KOLA

The Martinez Brothers sind ein US-amerikanisches DJ- und Produzenten-Duo aus der Bronx in New York, bestehend aus den Brüdern Steven „Stevie“ Martinez und Chris Martinez. Ihre Musik entwickelte sich aus der New Yorker House-Tradition, nahm im Laufe der Zeit jedoch auch Einflüsse aus Tech House, Techno, Disco, Soul, lateinamerikanischer Musik und Hip-Hop auf. Bekannt ist das Duo vor allem für ausgedehnte DJ-Sets, seine rund zehnjährige Verbindung zu Circoloco im DC10 auf Ibiza sowie für das eigene Label Cuttin’ Headz.
The Martinez Brothers gehören zu jener Generation von Künstlern, die das Erbe des klassischen New Yorker House mit der Ibiza-Clubkultur der 2010er-Jahre verbunden haben. Ihre Bekanntheit beruht weniger auf einem einzelnen kommerziellen Hit als auf ihrer DJ-Karriere: von ersten Auftritten als Teenager in New York über langjährige Ibiza-Residencies bis hin zu eigenen großen Clubprojekten. Zu ihren bekanntesten eigenen Produktionen zählen My Rendition, H 2 Da Izzo, Tree Town, Stuff In The Trunk, Let It Go, PAP (Pendiente Al Paso), KILO, Rizzla, Pleasure Peak und TAKE YOU HOME.
Die Bronx, die Kirche und die Musik des Paradise Garage
Stevie und Chris wuchsen in der Bronx in einer Familie mit puerto-ricanischen Wurzeln auf. Eine zentrale Rolle in ihrer musikalischen Erziehung spielte ihr Vater Steve Martinez Sr.. Er war Pastor, besuchte in seiner Jugend jedoch zugleich den legendären New Yorker Club Paradise Garage und bewahrte sich ein tiefes Interesse an Dance Music. Zu Hause hörten die Brüder Jazz, Funk, Salsa, Latin Music, House und Aufnahmen, die mit der Clubkultur einer früheren New Yorker Generation verbunden waren.
Ihre musikalische Praxis begann nicht hinter einem DJ-Pult. Die Brüder spielten in einem Kirchenensemble zusammen mit älteren Musikern. Ihr Vater brachte ihnen Herbie Hancock, Jamiroquai und anderes Material näher, das weit über Kirchenmusik hinausging. Später kamen Hip-Hop, Salsa und Reggaeton hinzu — ein natürlicher Bestandteil des musikalischen Umfelds der Bronx und einer puerto-ricanischen Familie.
Mit der Zeit interessierten sie sich immer stärker für das DJ-Handwerk selbst. Zunächst experimentierten die Brüder mit Computerprogrammen zum Mixen, später kaufte ihr Vater ihnen das erste richtige Equipment — einen Numark-CD-Player und einen Mixer. Plattenkäufe wurden zu einem festen Bestandteil ihrer Wochenenden, während sich die Experimente zu Hause nach und nach in erste kleinere Partys verwandelten.
New Yorker Clubs im Teenageralter
Anfang der 2000er-Jahre besuchten Stevie und Chris New Yorker House-Partys lange bevor sie das übliche Alter des Clubpublikums erreicht hatten. DJ Mag zufolge machten die Brüder ihre ersten ernsthaften Erfahrungen mit der Clubszene im Alter von etwa 13 und 15 Jahren. Einer der wichtigsten Orte war das Shelter, wo sie DJs wie Louie Vega und Timmy Regisford hörten. Ihr Vater begleitete seine Söhne und erklärte den Veranstaltern, dass sie in erster Linie wegen der Musik dort seien.
Dieses Umfeld bildete den Ausgangspunkt ihres Geschmacks: Soulful House, Disco und die klassische New Yorker Schule. Spätere Reisen nach Europa brachten die Brüder jedoch mit Minimal, Techno und anderen Formen elektronischer Underground-Musik in Kontakt, die damals insbesondere in Berlin und auf Ibiza stark vertreten waren. Dadurch wurde ihre DJ-Sprache nach und nach deutlich breiter als die Musik, mit der sie aufgewachsen waren.
Dennis Ferrer und das Debüt My Rendition
Eine der entscheidenden Begegnungen ihrer frühen Karriere war der New Yorker Produzent Dennis Ferrer. Chris kontaktierte ihn über MySpace zu einer Zeit, als soziale Netzwerke gerade begannen, die Kommunikation zwischen jungen Musikern und bereits etablierten Künstlern zu verändern. Ferrer antwortete und wurde nach und nach zum Mentor der Brüder. Er half ihnen beim Verständnis von Studioequipment, stellte Software zur Verfügung und brachte ihnen bei, nicht nur ein fertiges Ergebnis zu erzielen, sondern selbst zu verstehen, wie ein Track aufgebaut ist.
Im Dezember 2006 erschien auf Ferrers Label Objektivity die Debüt-EP My Rendition. Chris erzählte später, dass die ursprüngliche Version auf einer Roland-Fantom-Workstation entstanden war, da die Brüder zu diesem Zeitpunkt noch kein voll ausgestattetes Studio besaßen. Ferrer half ihnen, das Material in seine endgültige Form zu bringen.
Das Alter der Musiker machte den Release besonders bemerkenswert: Resident Advisor wies in einer Rezension von 2007 darauf hin, dass die Produzenten gerade einmal ungefähr 15 und 18 Jahre alt waren. Dabei stand jedoch weniger ihre Jugend als vielmehr der überraschend reife House-Sound der noch unerfahrenen Produzenten im Mittelpunkt.
In den folgenden Jahren erschienen Don’t No Yet und The Causeway / Issshhh!. Die Brüder machten später keinen Hehl daraus, dass sie in dieser frühen Phase viel lernten, indem sie versuchten zu verstehen, wie die Musik ihrer Lieblingsproduzenten — von Âme bis Radio Slave — aufgebaut war. Nach und nach vermischten sich diese Einflüsse mit ihrem eigenen rhythmischen Ansatz.
Ibiza und zehn Jahre rund um Circoloco
New York gab The Martinez Brothers ihre musikalische Grundlage, doch die entscheidende internationale Phase ihrer Karriere ist eng mit Ibiza verbunden. Im Jahr 2011 kamen sie auf die Insel und erhielten die Gelegenheit, bei Circoloco im DC10 aufzulegen. Nach Erinnerungen des Duos war die Reise ursprünglich mit einem anderen Auftritt verbunden, der jedoch ausfiel; DC10-Booker Elliot Shaw bot ihnen daraufhin einen freien Slot an.
Diese zufällige Gelegenheit entwickelte sich zu einer der wichtigsten professionellen Verbindungen ihrer Karriere. Stevie und Chris waren etwa zehn Jahre eng mit Circoloco verbunden und arbeiteten sich allmählich von unteren Positionen im Line-up bis zu den wichtigsten Zeitslots vor. Sie spielten nicht nur regelmäßig im Club, sondern besuchten ihn auch an Tagen ohne eigenen Auftritt, beobachteten andere DJs und wurden Teil desselben Umfelds wie Seth Troxler, Jamie Jones, Apollonia, Loco Dice und weitere Vertreter der damaligen Ibiza-Szene.
Gerade Ibiza half ihnen dabei, ihre ursprüngliche Liebe zu Soulful New York House mit einer minimalistischeren europäischen Clubästhetik zu verbinden. In späteren Sets von The Martinez Brothers existieren beide Linien nebeneinander: Vocal und Soulful House können auf Rolling Tech House, reduzierte Percussion-Tracks und lateinamerikanische Rhythmen treffen.
H 2 Da Izzo
Eine der wichtigsten eigenen Produktionen von The Martinez Brothers ist H 2 Da Izzo, veröffentlicht 2012 auf dem französischen Label Real Tone Records. Auf der B-Seite befand sich Two Much (For Me). H 2 Da Izzo verband dichte House-Percussion, Vocal-Fragmente und Verweise auf klassischen New Yorker House, darunter ein wiedererkennbares Motiv aus dem Umfeld von Hardrives Deep Inside.
Mit der Zeit entwickelte sich der Track zu einem der beständigsten Clubstücke des Duos. Selbst sieben Jahre später verwendete Resident Advisor H 2 Da Izzo noch als Referenzpunkt bei der Bewertung neuer Veröffentlichungen. In den Jahren 2025–2026 erhielt der Track durch eine Neuauflage auf Defected sowie Remixe von Peggy Gou, Butch und Josh Baker neues Leben. Defected bezeichnete das Original ausdrücklich als einen 2012 erschienenen Track, der sich zu einem gefragten Clubklassiker entwickelt hatte.
2014: Mixmag, Cuttin’ Headz und eine neue Karrierestufe
2014 wurde zu einem der wichtigsten Jahre in der Geschichte des Duos. Das britische Magazin Mixmag setzte The Martinez Brothers auf Platz eins seiner eigenen Liste der besten DJs des Jahres und hob dabei ihre besondere Position innerhalb der House-Szene sowie ihre enge Verbindung zum DC10 hervor.
Zur selben Zeit gründeten die Brüder ihr eigenes Label Cuttin’ Headz. Dessen Ästhetik war von Beginn an eng mit New York verbunden: House und Techno trafen auf visuelle Anspielungen auf Graffiti und Hip-Hop. Selbst der Name des Labels verweist auf einen Song von Ol’ Dirty Bastard.
Cuttin’ Headz entwickelte sich nach und nach von einer Plattform für die eigene Musik der Brüder zu einem vollwertigen internationalen Label. Dort erschienen Veröffentlichungen von AJ Christou, Fleur Shore, Jaden Thompson, Art Department, Guti, Loco Dice, Mochakk, K-Lone, Jackmaster und weiteren Künstlern. DJ Mag stellte fest, dass das Label bis zu seinem zehnjährigen Jubiläum bereits mehr als fünfzig Releases veröffentlicht hatte; später entwickelte sich die Marke zusätzlich zu einer eigenen Eventreihe.
Tuskegee und Seth Troxler
Parallel dazu arbeiteten The Martinez Brothers mit Seth Troxler am Projekt Tuskegee. Das Label war als Plattform gedacht, die auf die afroamerikanischen Wurzeln von House und Techno sowie auf Künstler aufmerksam macht, deren Bedeutung für die elektronische Kultur möglicherweise unterschätzt wurde. Zu den ersten Veröffentlichungen gehörte die gemeinsame Produktion von The Martinez Brothers und Troxler Space & Time.
Die gelegentlich auftauchende Bezeichnung Space & Time Mixtape 2019 ist daher falsch: Space & Time gehört in die Phase der Gründung von Tuskegee Mitte der 2010er-Jahre und ist ein gemeinsamer Club-Release, kein späteres eigenständiges Mixtape von The Martinez Brothers.
Stuff In The Trunk und die Entwicklung von Cuttin’ Headz
2016 erschien auf Cuttin’ Headz Stuff In The Trunk mit der französischen Elektronik-Künstlerin Miss Kittin. Der Track wurde zu einer der bekanntesten Produktionen der frühen Labelphase und zeigt deutlich den Übergang der Brüder zu einem trockeneren, mechanischeren Tech-House-Sound, ohne dabei den charakteristischen New Yorker Groove zu verlieren.
Der Katalog von Cuttin’ Headz war nie auf ein streng definiertes Subgenre beschränkt. Die Brüder betonten mehrfach, dass sie keine feste Formel entwickeln wollten, sondern vielmehr dem folgten, was sie in einem bestimmten Moment interessierte. Deshalb stehen minimalistische Clubinstrumentals in ihrer Diskografie neben Vocal-House-Songs, Hip-Hop und lateinamerikanischen Projekten.
Givenchy und die Verbindung zwischen Clubmusik und Mode
The Martinez Brothers machten sich auch außerhalb der traditionellen Clubindustrie einen Namen. Nach einer Begegnung mit Designer Riccardo Tisci auf Ibiza begannen sie, Musik für Shows von Givenchy zu produzieren. Für mehrere Kollektionen wählten die Brüder nicht einfach vorhandene Tracks aus, sondern komponierten, mischten und arrangierten speziell für die Modenschauen eigenes musikalisches Material.
Später setzte sich ihre Verbindung zur Mode durch Kampagnen und Projekte mit New Era, DKNY und Carolina Herrera fort. 2016 unterschrieben die Brüder zudem einen Modelvertrag bei IMG. Am engsten mit ihrer eigentlichen Tätigkeit als Musiker verbunden blieb jedoch die Arbeit für Givenchy, da sie dort originäres Audiomaterial schufen.
Let It Go und die Rückkehr zu Soulful House
Ende 2019 veröffentlichten The Martinez Brothers gemeinsam mit einem ihrer musikalischen Vorbilder, Louie Vega, den Track Let It Go mit Gesang von Marc E. Bassy. Resident Advisor hob die Produktion als eines der stärksten Stücke des Duos seit H 2 Da Izzo hervor.
Musikalisch ist Let It Go deutlich weicher als viele der härteren Tech-House-Releases der Brüder: warme Akkorde, reichhaltige Percussion und eine klare Verbindung zur Tradition des Soulful New York House stehen im Mittelpunkt. Später erhielt der Track mehrere Remixe, darunter Versionen von Vintage Culture und Dom Dolla.
fabric presents The Martinez Brothers
Ebenfalls 2019 erschien fabric presents The Martinez Brothers, ein offizieller DJ-Mix für den berühmten Londoner Club und das gleichnamige Label Fabric. Der Release umfasste 23 Tracks und dauerte mehr als eine Stunde. Er zeigte die Brüder genau in jener Form, auf der ihre internationale Reputation in erster Linie beruhte: als Selektoren, die unterschiedliche Schattierungen von House zu einer durchgehenden Cluberzählung verbinden können.
Diese Unterscheidung ist für die Diskografie von The Martinez Brothers wichtig: Ihr Katalog basiert nicht auf einer Reihe traditioneller Studioalben. Einen großen Teil ihres kreativen Werks machen Singles, EPs, Remixe und kuratierte DJ-Mixe aus — passend zu einer Karriere, in der das DJing stets mindestens ebenso wichtig war wie die Studioarbeit.
Puerto-ricanische Wurzeln und eine neue Linie von Kollaborationen
Anfang der 2020er-Jahre wurde der lateinamerikanische Anteil in der Musik der Brüder besonders deutlich. Dabei handelte es sich nicht um einen plötzlichen Imagewechsel: Salsa, Latin Jazz und Reggaeton gehörten seit ihrer Kindheit zu ihrem musikalischen Umfeld, während ihre puerto-ricanische Herkunft immer ein wichtiger Bestandteil ihrer Familiengeschichte blieb.
2020 waren The Martinez Brothers auf Química des puerto-ricanischen Künstlers Rauw Alejandro zu hören. 2021 veröffentlichten sie gemeinsam mit Fuego PAP (Pendiente Al Paso). Die Brüder beschrieben diese Entwicklung als natürliche Fortsetzung ihrer eigenen Wurzeln und als Möglichkeit, Club House mit Musik zu verbinden, mit der sie ebenfalls aufgewachsen waren.
KILO, Rizzla und der Schritt über die House-Szene hinaus
2022 erschien KILO mit der dominikanischen Künstlerin Tokischa. Später folgten mehrere Remixe, darunter eine Version von Major Lazer und Ape Drums. Im selben Jahr veröffentlichten sie Rizzla mit Gordo und dem nigerianischen Sänger Rema.
Diese Produktionen zeigen, dass The Martinez Brothers im Studio deutlich weniger genre-konservativ arbeiten, als ihre enge Verbindung zum DC10 zunächst vermuten lässt. Afro-Pop, Reggaeton, Rap und House können innerhalb desselben Katalogs nebeneinander existieren, weil für das Duo Rhythmus — und nicht die Zugehörigkeit zu einem einzelnen elektronischen Subgenre — das entscheidende verbindende Element bleibt.
Vom DC10 zur eigenen Residency im Hï Ibiza
Nach einem Jahrzehnt rund um Circoloco begann ein neues Kapitel in der Beziehung von The Martinez Brothers zu Ibiza. 2022 erhielten sie ihre eigene Residency im Hï Ibiza. Im Sommer 2024 lief bereits die dritte Saison in Folge, 2025 folgte die vierte.
Die Residency ermöglichte es den Brüdern, von regelmäßigen Gästen einer fremden Party zu Kuratoren einer kompletten Nacht unter eigener Regie zu werden. Zu ihren Gästen gehörten im Laufe der Jahre Black Coffee, Dennis Ferrer, Loco Dice, Seth Troxler, PAWSA, Chris Stussy, Eliza Rose, Apollonia und weitere Künstler.
Die Verbindung zu Circoloco verschwand dabei nicht: The Martinez Brothers kehrten auch nach dem Start ihrer eigenen Residency immer wieder ins DC10 zurück. Der Wechsel zum Hï sollte daher nicht als Bruch mit der früheren Szene verstanden werden, sondern als Erweiterung ihrer Präsenz auf der Insel.
Pleasure Peak und PFW
2023 arbeiteten The Martinez Brothers mit der britischen Sängerin und DJ Eliza Rose an Pleasure Peak. Im selben Zeitraum erschien PFW (Paris Fashion Week) mit der kanadischen Rapperin Tommy Genesis. Beide Produktionen unterstrichen erneut das Interesse der Brüder an Vocal-Kollaborationen und daran, sich nicht auf traditionellen instrumentalen Tech House zu beschränken.
Cuttin’ Headz nach zehn Jahren
2024 feierte Cuttin’ Headz sein zehnjähriges Bestehen. In dieser Zeit entwickelte sich das Projekt von einem kleinen unabhängigen Label unter Freunden zu einer der beständigen Marken der modernen House- und Tech-House-Szene. Eine große Jubiläumsveranstaltung fand im Londoner Drumsheds statt, wo The Martinez Brothers B2B mit PAWSA spielten.
Besonders wichtig wurde die kuratorische Funktion des Labels. Über Cuttin’ Headz erschienen frühe Veröffentlichungen von Künstlern, die später eigenständige internationale Karrieren aufbauten, darunter Jaden Thompson, Fleur Shore und AJ Christou. Gleichzeitig fanden sich im Katalog Arbeiten etablierter Produzenten wie Loco Dice, Guti, Jackmaster und weiterer Namen.
Juice und TAKE YOU HOME
Im März 2025 veröffentlichten die Brüder Juice gemeinsam mit Loco Dice und dem US-amerikanischen Rapper Trinidad James. Für Künstler, deren Geschichte sich über viele Jahre mit der europäischen Underground-Szene überschnitten hatte, wurde die Produktion zu einer weiteren Brücke zwischen House und Hip-Hop.
Im Sommer folgte eine noch ungewöhnlichere Kombination. TAKE YOU HOME verband The Martinez Brothers mit den Produzenten Mike Dean und Apex Martin sowie dem New Yorker Künstler SASH. DJ Mag beschrieb den Release als Verbindung des charakteristischen House-Sounds der Brüder mit Hip-Hop-Elementen von Mike Dean.
Im selben Jahr setzte DJ Mag The Martinez Brothers auf Platz 43 der Top 100 DJs. In ihrer eigenen Beschreibung ihres Stils verwendete das Duo die Formulierung „high-energy New York house and techno with a soulful, rhythmic edge“ und hob insbesondere Marathon-Sets sowie den Sound von Cuttin’ Headz hervor.
Die Rückkehr von H 2 Da Izzo
Mehr als zehn Jahre nach der ursprünglichen Veröffentlichung kehrte H 2 Da Izzo erneut in den Katalog zurück. Defected veröffentlichte eine neue Ausgabe mit dem Original und Remixen von Peggy Gou, Butch und Josh Baker. 2026 folgte eine Vinyl-Neuauflage, die den besonderen Status des Tracks innerhalb des Vermächtnisses des Duos noch einmal bestätigte: Nur wenige ihrer frühen Produktionen konnten über so viele Jahre hinweg eine derart beständige Präsenz in der Clubkultur bewahren.
Órbita und ein neues Live-Format
2026 entwickelten The Martinez Brothers mit Órbita ein neues Bühnenprojekt. Anders als bei einem gewöhnlichen DJ-Auftritt basiert das Konzept auf einer eigenständigen visuellen und räumlichen Gestaltung, die es den Brüdern ermöglicht, nicht nur das Musikprogramm, sondern auch die gesamte Umgebung der Show zu kontrollieren. Die offizielle Website des Duos führt The Martinez Brothers Present: Órbita — Live From ReFrame Studios, Los Angeles als eigenständiges Projekt.
Órbita ist eine logische Weiterentwicklung ihrer langjährigen Arbeit mit ausgedehnten Sets und selbst kuratierten Partys. Während die frühe Karriere von The Martinez Brothers noch stark von Clubs wie Shelter und DC10 abhing, waren sie zu diesem Zeitpunkt bereits in der Lage, ihre eigene Vorstellung einer Clubnacht auf verschiedene Veranstaltungsorte zu übertragen.
Impressions
Am 24. Juli 2026 veröffentlichten die Brüder Impressions mit dem britischen Sänger und Songwriter Stevie Appleton. Der Release erschien über The Martinez Brothers / EMPIRE und setzte die vokalorientierte Linie ihrer späteren Diskografie fort.
Zu diesem Zeitpunkt ließ sich der Katalog der Brüder längst nicht mehr ausschließlich als Tech House beschreiben: Minimalistische Clubtracks, Soulful House, lateinamerikanische Projekte, Hip-Hop-Kollaborationen und stärker songorientierte Vocal-Produktionen existieren nebeneinander. In ihren DJ-Sets bleibt der House-Rhythmus jedoch weiterhin das Fundament.
Der Musikstil von The Martinez Brothers
Die Grundlage des Sounds des Duos ist New York House. Aus der Tradition von Paradise Garage und Soulful House übernahmen sie ihr Interesse an Vocals, Funk, Disco und lebendiger Percussion. Von der europäischen Szene der 2000er-Jahre und Ibiza kamen minimalistischere Strukturen, repetitive Grooves, Tech House und Techno hinzu. Ihre puerto-ricanischen Wurzeln brachten Salsa, Latin Percussion und moderne Urbano-Einflüsse mit ein.
Ihre besten DJ-Sets basieren normalerweise nicht auf einer ständigen Abfolge großer „Drops“. Stattdessen entwickelt sich die Musik über lang anhaltende Grooves, allmähliche Veränderungen der Percussion, Bassfiguren und Übergänge zwischen tieferen und energischeren Tracks. Genau deshalb sind The Martinez Brothers besonders für lange und marathonartige Auftritte bekannt.
Im Studio ist ihr Ansatz breiter. My Rendition spiegelte den Deep/Tech House der Mitte der 2000er wider, H 2 Da Izzo griff klassischen New Yorker House auf, Stuff In The Trunk war deutlich härter und minimalistischer, Let It Go kehrte zu Soulful House zurück, während KILO, Rizzla und TAKE YOU HOME die Brüder in Bereiche von Latin, Afro-Pop und Hip-Hop führten.
Ausgewählte Diskografie von The Martinez Brothers
- My Rendition — 2006, EP
- Don’t No Yet — 2010
- The Causeway / Issshhh! — 2011
- H 2 Da Izzo / Two Much (For Me) — 2012
- Space & Time — 2014, mit Seth Troxler
- Tree Town — 2014, EP
- Stuff In The Trunk — 2016, mit Miss Kittin
- fabric presents The Martinez Brothers — 2019, DJ-Mix
- Let It Go — 2019, mit Louie Vega und Marc E. Bassy
- Química — 2020, mit Rauw Alejandro
- PAP (Pendiente Al Paso) — 2021, mit Fuego
- KILO — 2022, mit Tokischa
- Rizzla — 2022, mit Gordo und Rema
- Pleasure Peak — 2023, mit Eliza Rose
- PFW (Paris Fashion Week) — 2023, mit Tommy Genesis
- Juice — 2025, mit Loco Dice und Trinidad James
- TAKE YOU HOME — 2025, mit Mike Dean, Apex Martin und SASH
- Impressions — 2026, mit Stevie Appleton
Die Hauptdiskografie von The Martinez Brothers besteht in erster Linie aus Singles, EPs und DJ-Mixen. Sie künstlich in eine Liste von „Alben“ umzuwandeln, wäre daher irreführend. Apple Music klassifiziert zahlreiche Live- und Clubaufnahmen separat, darunter Mixe aus dem Hï Ibiza, vom Kappa FuturFestival und aus ReFrame, doch dabei handelt es sich nicht um reguläre Studioalben des Duos.
The Martinez Brothers und die moderne House-Kultur
Die Bedeutung von The Martinez Brothers ergibt sich zu einem großen Teil aus der ungewöhnlichen Kontinuität ihrer musikalischen Geschichte. Sie lernten House durch jemanden kennen, der die Ära des Paradise Garage selbst erlebt hatte, begannen bereits als Teenager aufzulegen, erhielten Unterstützung und Mentoring von Dennis Ferrer, entwickelten sich innerhalb von Circoloco zu internationalen Künstlern und wurden später selbst Labelbetreiber und Kuratoren großer Clubveranstaltungen.
Gleichzeitig versuchen sie nicht, die Vergangenheit New Yorks einfach zu reproduzieren. In ihrer Musik trifft klassischer Soulful House auf europäischen Tech House, puerto-ricanische Rhythmik und modernen Urban-Sound. Cuttin’ Headz wurde zur natürlichen Fortsetzung dieses Ansatzes: Das Label bewahrt die Verbindung zur Bronx und zur Geschichte des House, veröffentlicht aber gleichzeitig Musik neuer Produzentengenerationen.
Gerade die Verbindung dieser unterschiedlichen kulturellen Linien — die Bronx, Paradise Garage, die puerto-ricanische Musiktradition und die Clubkultur Ibizas — ist zum entscheidenden Merkmal von The Martinez Brothers geworden. Ihre Karriere zeigt, wie das Erbe des klassischen New Yorker House seine eigene Identität bewahren und sich gleichzeitig innerhalb der modernen internationalen Clubszene weiterentwickeln kann.


