Валерия

Avicii (bürgerlicher Name — Tim Bergling; 8. September 1989, Stockholm — 20. April 2018, Maskat, Oman) war ein schwedischer DJ, Komponist, Musikproduzent und Songwriter und einer der Künstler, die die Entwicklung der elektronischen Tanzmusik in der ersten Hälfte der 2010er-Jahre entscheidend prägten. Seine Produktionen verbanden melodischen Progressive House und EDM mit Pop, Soul, Folk, Country, Rock und akustischem Songwriting. Levels, Wake Me Up, Hey Brother, I Could Be the One, The Nights, Waiting for Love, Without You und weitere Werke von Avicii gingen weit über die Clubszene hinaus und wurden zu internationalen Pop-Hits.
Zu Lebzeiten veröffentlichte Bergling zwei vollständige Studioalben — True und Stories — sowie die EP AVĪCI (01). Das dritte Album, TIM, wurde nach seinem Tod von seinen engsten Co-Autoren anhand der von ihm hinterlassenen Demos, Notizen und Arbeitskorrespondenz fertiggestellt. Avicii wurde zweimal für einen Grammy nominiert, belegte zwei Jahre in Folge Platz drei der DJ Mag Top 100 DJs und wurde zu einem der wichtigsten Vertreter jener Generation, in der europäische elektronische Musik zu einem bedeutenden Bestandteil der weltweiten Popkultur wurde.
Kindheit und Familie
Tim Bergling wurde am 8. September 1989 in Stockholm geboren. Er wuchs im Stadtteil Östermalm auf. Seine Mutter Anki Lidén ist eine schwedische Schauspielerin, sein Vater Klas Bergling war geschäftlich tätig. Musik spielte in Tims Leben schon lange vor seiner professionellen Karriere eine Rolle, doch sein Weg unterschied sich von dem vieler Musiker mit klassischer Instrumentalausbildung: Berglings wichtigstes Instrument wurde der Computer.
Als Teenager verbrachte er viel Zeit am Computer und begann sich zunehmend für die Produktion elektronischer Musik zu interessieren. Im Alter von etwa 16 Jahren beschäftigte sich Tim ernsthaft mit Musikproduktion. Eines seiner wichtigsten Werkzeuge wurde FL Studio — eine Software, mit der er sich selbstständig Arrangement, Synthesizer, Basslinien, Schlagzeugprogrammierung und Harmonielehre erschloss. Bergling betonte später mehrfach, dass ein großer Teil seiner musikalischen Ausbildung praktisch verlief: Er lernte unmittelbar beim Produzieren von Tracks.
Zu seinen frühen Einflüssen gehörten Daft Punk, Eric Prydz, Laidback Luke und die schwedische House-Szene, aus der wenig später Swedish House Mafia und eine ganze internationale Welle skandinavischer Produzenten hervorgingen. Schon in Berglings frühen Arbeiten war jedoch eine Eigenschaft zu erkennen, die später zur Grundlage des Avicii-Sounds werden sollte: Sein Schwerpunkt lag weniger auf komplexen rhythmischen Konstruktionen als auf Melodie, Akkordfolgen und emotional einprägsamen musikalischen Motiven.
Internetforen und erste Aufnahmen
Berglings professionelle Karriere nahm vor allem im Internet Gestalt an. Er veröffentlichte eigene Tracks und Remixe auf Musikplattformen und in Foren, darunter auch in einer Community rund um den niederländischen DJ Laidback Luke. Für einen jungen Produzenten waren solche Plattformen eine offene Schule: Die Mitglieder diskutierten über Arrangements, Mixing und Trackaufbau, während bereits etablierte Musiker auf Nachwuchsproduzenten aufmerksam werden konnten. 2007 erhielt Bergling seinen ersten Vertrag beim Label Dejfitts Plays.
In seiner frühen Diskografie verwendete er mehrere Namen. Neben Avicii erschienen Veröffentlichungen als Tim Berg — einer verkürzten Form seines echten Namens — sowie als Tom Hangs. Unter diesen Pseudonymen veröffentlichte er einzelne Clubtracks, darunter Bromance als Tim Berg und Blessed mit Shermanology als Tom Hangs. Parallel dazu veröffentlichte Bergling bereits Musik unter dem Namen Avicii.
In dieser Phase entwickelte sich auch seine Arbeitsweise: möglichst viel Material produzieren, schwächere Versionen verwerfen und die stärksten melodischen Ideen weiter ausarbeiten. Nach Erinnerungen von Menschen, die zu Beginn seiner Karriere mit ihm arbeiteten, konnte Bergling den größten Teil des Tages mit Musikproduktion verbringen. Seine frühe Bekanntheit entstand nicht in erster Linie durch seinen Ruf als Club-DJ, sondern dadurch, dass andere Produzenten und Vertreter der Musikindustrie auf seine Musik aufmerksam wurden.
Die Herkunft des Namens Avicii
Der Künstlername Avicii geht auf den buddhistischen Begriff Avīci zurück. Bergling erzählte selbst, dass er das Wort von einem Bekannten gehört habe und es als Pseudonym verwenden wollte. Als er den Namen bei MySpace registrieren wollte, war Avici bereits vergeben, weshalb er ein zweites i hinzufügte und die Schreibweise Avicii entstand.
Mit der Zeit verdrängte dieser Name seine früheren Pseudonyme vollständig und entwickelte sich zu einer eigenständigen internationalen Marke, während Bergling seinen bürgerlichen Namen weiterhin in Songwriting-Credits verwendete.
Die Begegnung mit Ash Pournouri
Eine wichtige Rolle zu Beginn von Tims professioneller Karriere spielte Arash «Ash» Pournouri. Der junge schwedische Promoter und Unternehmer entdeckte Berglings Musik im Internet und schlug ihm eine Zusammenarbeit vor. Zu diesem Zeitpunkt war Tim vor allem Studio-Produzent und hatte kaum Erfahrung mit großen öffentlichen Auftritten. Pournouri übernahm Management, Positionierung des Künstlers und Konzertorganisation, während sich Bergling auf die Musik konzentrierte.
Diese Verbindung erwies sich als äußerst effektiv. Gegen Ende der 2000er-Jahre vergrößerte Bergling seinen Katalog in hohem Tempo, und seine Musik tauchte immer häufiger in den Sets bekannter DJs auf. Der nächste Schritt war sein erster großer europäischer Hit.
Bromance und Seek Bromance
2010 erschien unter dem Namen Tim Berg der Instrumentaltrack Bromance. Seine ausdrucksstarke Klaviermelodie und der für Progressive House typische schrittweise Spannungsaufbau enthielten bereits viele Merkmale des späteren Avicii-Sounds.
Die Vocal-Version erhielt den Titel Seek Bromance. Sie brachte Bergling aus der Clubszene in die europäischen Charts und erreichte die britischen Top 20. Zu diesem Zeitpunkt war Tim noch kein internationaler Popstar, doch unter Fans von House-Musik war sein Name bereits gut bekannt.
Aus derselben Phase stammt My Feelings for You, entstanden gemeinsam mit dem französischen Produzenten Sebastien Drums. Berglings frühe Aufnahmen zeigten seine Entwicklung von traditionellerem Club-House hin zu besonders klaren, melodischen Kompositionen, die sowohl in einem DJ-Set als auch außerhalb des Dancefloors funktionieren konnten.
Levels — der weltweite Durchbruch
Der eigentliche Wendepunkt kam 2011 mit der Veröffentlichung von Levels. Der Track basierte auf einer markanten Synthesizer-Folge und einem Vocal-Sample aus Etta James’ Aufnahme Something’s Got a Hold on Me. Für seine Zeit war das Stück nahezu eine Idealformel des melodischen Festival House: ein sofort wiedererkennbares Thema, ein langer dynamischer Aufbau, ein großer emotionaler Höhepunkt und ein Vocal-Sample, das wie ein vollwertiger Refrain funktionierte, ohne einer klassischen Popstruktur zu folgen.
Levels machte aus Avicii einen international bekannten Star. Der Single erreichte in vielen Ländern hohe Chartpositionen und wurde zu einem der prägendsten Tracks der frühen Mainstream-EDM-Ära. In den DJ Mag Top 100 DJs stieg Bergling von Platz 39 im Jahr 2010 auf Platz 6 im Jahr 2011 und erreichte bereits 2012 den dritten Rang.
Levels brachte Avicii außerdem eine Grammy-Nominierung in der Kategorie Best Dance Recording. Bereits ein Jahr zuvor war seine gemeinsam mit David Guetta veröffentlichte Produktion Sunshine in derselben Kategorie nominiert worden. Damit erhielt Bergling bei der 54. und 55. Grammy-Verleihung zwei Nominierungen in Folge.
Fade Into Darkness und der Streit um Collide
2011 veröffentlichte Avicii Fade Into Darkness, das aus der Instrumentalversion Penguin hervorgegangen war. Die Komposition enthält Elemente von Perpetuum Mobile des britischen Ensembles Penguin Cafe Orchestra; dessen Komponist Simon Jeffes wird als Co-Autor von Fade Into Darkness geführt. Im selben Jahr geriet die musikalische Grundlage in den Mittelpunkt eines Streits um Leona Lewis’ Single Collide. Berglings Team argumentierte, bei der Produktion des Songs sei genau die von Avicii entwickelte Version verwendet worden, ohne zuvor seine Zustimmung einzuholen.
Der Streit wurde beigelegt, bevor es zu einem Gerichtsverfahren kam: Collide erschien schließlich als gemeinsame Veröffentlichung unter dem Credit Leona Lewis / Avicii, und Bergling erhielt die entsprechenden Autoren- und Künstlercredits.
Der globale EDM-Boom und der Tourneeplan
Aviciis Erfolg fiel in eine Zeit, in der elektronische Tanzmusik einen rasanten Übergang von der Club-Subkultur in den amerikanischen und weltweiten Mainstream erlebte. Ultra Music Festival, Electric Daisy Carnival, Tomorrowland und andere Festivals machten DJs zu Künstlern, die Publikumsgrößen erreichten, die zuvor vor allem den größten Rock- und Popstars vorbehalten waren.
Avicii stand im Zentrum dieser Entwicklung. Zwischen 2011 und 2013 wurde sein Tourneeplan extrem dicht. Branchenberichte jener Zeit nannten Zahlen von bis zu 250 Auftritten pro Jahr. Festivalshows, Club-Residencies, interkontinentale Flüge und die permanente Arbeit an neuer Musik liefen praktisch parallel.
Gleichzeitig blieb Bergling in erster Linie Studio-Autor und Produzent. Das öffentliche DJ-Image und die Notwendigkeit, ständig auf der Bühne zu stehen, fielen ihm deutlich schwerer als die Arbeit an Musik. Archivinterviews und spätere Dokumentationen zeigen einen deutlichen Unterschied zwischen Tim Bergling — einem zurückhaltenden Menschen, der die Studioarbeit bevorzugte — und Avicii als einer der größten Live-Figuren des EDM.
House for Hunger und wohltätige Arbeit
Bergling nutzte seinen kommerziellen Erfolg auch für wohltätige Initiativen. Im Januar 2012 fand die US-Tournee House for Hunger statt: Innerhalb von 27 Tagen spielte Avicii 26 Shows. Tim Bergling und sein Manager Ash Pournouri spendeten eine Million US-Dollar aus ihren eigenen Einnahmen der Tour an Feeding America, eine Organisation, die sich gegen Hunger in den Vereinigten Staaten engagiert.
Später unterstützte Bergling auch weitere humanitäre Initiativen. Die Tim Bergling Foundation hebt seine wohltätige Arbeit heute ausdrücklich neben seinem musikalischen Vermächtnis hervor.
I Could Be the One
Ende 2012 veröffentlichte Avicii gemeinsam mit dem niederländischen Produzenten Nicky Romero den Track I Could Be the One. Im Februar 2013 wurde die Single Aviciis erster Nummer-eins-Hit in den offiziellen britischen Charts.
Das Projekt wurde häufig als Nicktim bezeichnet — eine Kombination der Namen Nick und Tim. Für Bergling war dies ein weiterer Schritt vom Festival-EDM-Produzenten hin zu einem vollwertigen Popkünstler mit regelmäßiger Präsenz in nationalen Charts.
Avicii X You
Im Januar 2013 starteten Avicii und Ericsson das experimentelle Projekt Avicii X You. Nutzer wurden eingeladen, eigene Melodien, Basslinien, Rhythmen, Übergänge, Effekte und Vocal-Ideen einzureichen, aus denen anschließend eine gemeinsame Komposition zusammengestellt wurde.
Das Ergebnis war die Single X You. Im Verlauf des Projekts erhielt Avicii fast 13.000 musikalische Beiträge von mehr als 4.000 Teilnehmern aus 140 Ländern. Die Nutzer schickten Melodien, Basslinien, Rhythmen, Effekte und Vocals ein, während Bergling das Material auswählte und daraus in seinem Studio die finale Komposition erstellte. Avicii X You wurde zu einem der größten Crowdsourcing-Projekte der elektronischen Musik zu Beginn der 2010er-Jahre.
Ultra Music Festival 2013: das Risiko, das seine Karriere veränderte
Im März 2013 trat Avicii auf der Mainstage des Ultra Music Festival in Miami auf. Das Publikum erwartete vertrauten Festival House im Stil von Levels. Stattdessen erschienen in der zweiten Hälfte des Auftritts Live-Musiker, akustische Instrumente und Sänger auf der Bühne, während Bergling Material seines kommenden Albums True vorstellte.
Die Reaktion fiel äußerst gespalten aus. Ein Teil des Publikums begegnete dem neuen Material mit Unverständnis und Buhrufen. Für ein EDM-Festival jener Zeit wirkte die Verbindung aus akustischer Gitarre, Country- und Bluegrass-Elementen mit elektronischen Höhepunkten wie ein radikaler Bruch mit der vorherrschenden Formel. Zu den vorgestellten Stücken gehörte auch das spätere Wake Me Up.
Nur wenige Monate später wurde genau das, was ein Teil des Ultra-Publikums fast als Verletzung der Genre-Regeln empfunden hatte, zu einer der erfolgreichsten Formeln der weltweiten Popmusik.
Wake Me Up
Wake Me Up entstand gemeinsam mit dem amerikanischen Musiker Mike Einziger von Incubus und dem Sänger Aloe Blacc. Einzigers akustische Gitarre und Blaccs Gesang bildeten das songorientierte Fundament, über das Avicii die elektronische Produktion legte.
Das Ergebnis ließ sich weder eindeutig als konventioneller EDM noch als Folk oder Country einordnen. Der Song begann als akustischer Pop-Folk und entwickelte sich zu einem großen elektronischen Refrain — ohne die Live-Gitarre oder die klassische Songstruktur aufzugeben. Dieses Prinzip wurde später zu einem der am häufigsten kopierten Modelle des EDM/Pop-Crossovers.
Nach der offiziellen Veröffentlichung im Sommer 2013 wurde Wake Me Up zum größten kommerziellen Hit in Aviciis Karriere. In Großbritannien stieg die Single direkt auf Platz eins ein und verkaufte in der ersten Woche rund 267.000 Exemplare, womit sie zu diesem Zeitpunkt die am schnellsten verkaufte Single des Jahres 2013 war. Drei Wochen in Folge blieb sie an der Spitze der britischen Charts. In den USA erreichte der Song Platz vier der Billboard Hot 100.
Das Album True
Im September 2013 erschien das Debüt-Studioalbum True. Der Titel spiegelte Berglings Absicht wider, Musik nach seinen eigenen Interessen zu machen, statt lediglich die Erwartungen des EDM-Publikums zu erfüllen.
True verband Electronic Dance Music mit Country, Bluegrass, Soul, Folk, Disco und Pop-Rock. Neben Aloe Blacc und Mike Einziger wirkten Nile Rodgers, Adam Lambert, Dan Tyminski, Audra Mae, Salem Al Fakir und weitere Musiker mit.
Auf Wake Me Up folgte eine Reihe großer Singles. You Make Me mit Gesang von Salem Al Fakir behielt eine stärker traditionelle House-Struktur. In Hey Brother verband sich die Stimme des amerikanischen Bluegrass-Sängers Dan Tyminski mit elektronischer Produktion. Addicted to You basierte auf Audra Maes Gesang und deutlich hörbaren Soul-Einflüssen. An Lay Me Down waren Adam Lambert und Nile Rodgers beteiligt.
True zeigte, dass die anfängliche Reaktion beim Ultra Music Festival das Potenzial dieser neuen Richtung nicht widerspiegelte. Das Album erreichte in zahlreichen Ländern die Top 10 und stieg in den USA bis auf Platz fünf der Billboard 200. Wake Me Up wurde zu einem internationalen Referenzpunkt für Pop-EDM-Crossover.
2014 veröffentlichte Bergling True: Avicii by Avicii — eine separate Version des Albums, für die er seine eigenen Kompositionen neu bearbeitete. Es handelte sich nicht um eine übliche Sammlung externer Remixe: Avicii interpretierte die Arrangements von True selbst neu und präsentierte alternative Fassungen derselben musikalischen Ideen.
Weltweite Anerkennung
Die Phase von Levels und True markierte den Höhepunkt von Aviciis kommerziellem Aufstieg. In den DJ Mag Top 100 DJs belegte er 2011 Platz 6 und 2012 sowie 2013 jeweils Platz 3.
2013 erhielt Bergling den American Music Award als Favorite Electronic Dance Music Artist und den MTV Europe Music Award in der Kategorie Best Electronic. Einen Grammy gewann er jedoch nie: Seine offizielle Bilanz umfasst zwei Nominierungen, für Sunshine und Levels.
Besonders deutlich zeigt die britische Chartstatistik das Ausmaß seines Übergangs von Clubmusik in die Popkultur. Im Laufe seiner Karriere erreichte Avicii zwei britische Nummer-eins-Singles — I Could Be the One und Wake Me Up — sowie insgesamt zehn Platzierungen in den UK Top 10.
Arbeit mit Coldplay, Madonna und Künstlern außerhalb des EDM
Der Erfolg von True machte Bergling auch weit über die elektronische Szene hinaus zu einem gefragten Co-Autor. 2014 war er an der Entstehung und Produktion von A Sky Full of Stars von Coldplay beteiligt. Aviciis elektronische Produktion wurde mit der Songästhetik der Band verbunden, und der Titel wurde zu einem der größten Pop-Hits von Coldplay in dieser Phase.
Zur selben Zeit arbeitete Bergling mit Madonna an Material für das Album Rebel Heart. Sein Interesse an Rock-, Pop- und Soulmusikern war keine gelegentliche Einladung prominenter Namen aus Marketinggründen. Bei seinen eigenen Aufnahmen arbeitete er regelmäßig mit Autoren und Interpreten aus Genres, die weit vom traditionellen House entfernt waren.
The Days und The Nights
2014 erschienen zwei thematisch eng miteinander verbundene Tracks, die später im Projekt The Days / Nights zusammengeführt wurden.
The Days wurde mit Gesang von Robbie Williams aufgenommen. Der langlebigere Hit wurde jedoch The Nights, dessen Vocal-Part vom amerikanischen Songwriter Nicholas Furlong stammt. Furlongs ursprüngliche Idee war als Lied über die Ratschläge eines Vaters und darüber konzipiert, ein Leben so zu führen, dass Erinnerungen bleiben. Avicii verwandelte das akustische Demo in eine kraftvolle elektronische Produktion und behielt den Originalgesang des Autors bei.
The Nights entwickelte sich mit der Zeit zu einem der bekanntesten Stücke Aviciis und zu einem besonders deutlichen Beispiel für seine Fähigkeit, traditionelle Singer-Songwriter-Strukturen in großformatige Festivalproduktionen zu übertragen, ohne deren ursprüngliche emotionale Wirkung zu verlieren.
Gesundheitliche Probleme
Hinter der rasanten Entwicklung seiner Karriere stand ein außergewöhnlich belastender Arbeitsrhythmus. Bereits 2012 wurde Bergling wegen einer akuten Bauchspeicheldrüsenentzündung ins Krankenhaus eingeliefert. Interviews und später veröffentlichte Materialien über sein Leben beschrieben Probleme mit übermäßigem Alkoholkonsum, Angstzuständen und Stress während der besonders intensiven Tourneephase.
Im März 2014 erforderte Berglings Gesundheitszustand erneut eine medizinische Behandlung. Während eines Aufenthalts in Miami wurde er ins Krankenhaus gebracht und anschließend operiert; dabei wurden Blinddarm und Gallenblase entfernt. Aufgrund der Operation musste Avicii seinen Auftritt beim Ultra Music Festival absagen. Im September desselben Jahres sagte er die restlichen Konzerte des Jahres 2014 ab, um seine Genesung fortzusetzen.
Die offizielle Tim-Biografie des Journalisten Måns Mosesson, die mit Unterstützung der Familie und auf Grundlage von Berglings persönlichen Aufzeichnungen entstand, zeichnete später ein komplexeres Bild. Neben Alkohol wurden auch verschreibungspflichtige Schmerzmittel, die ihm nach gesundheitlichen Komplikationen verordnet worden waren, zu einem ernsten Problem. Körperliche Erkrankungen, Abhängigkeit, Angstzustände, ausgeprägter Perfektionismus und ein extremes Tourneepensum existierten nicht getrennt voneinander, sondern verstärkten sich gegenseitig.
Berglings gesundheitliche Probleme lassen sich nicht auf eine einzelne Ursache reduzieren. Materialien seiner Familie und spätere Untersuchungen seines Lebens beschreiben ein Zusammenspiel aus körperlichen Erkrankungen, Angstzuständen, Problemen mit Alkohol und verschreibungspflichtigen Schmerzmitteln, ständigen Flügen, einem intensiven Konzertplan und den sehr hohen Anforderungen, die der Musiker an seine eigene Arbeit stellte.
Stories
Trotz seiner gesundheitlichen Probleme arbeitete Bergling weiterhin intensiv im Studio. Am 2. Oktober 2015 erschien Aviciis zweites Studioalbum Stories. Die Standardversion enthielt 14 Titel.
Während True einen demonstrativen Bruch mit den Genre-Erwartungen des EDM darstellte, führte Stories diesen Ansatz weiter, ohne der Clubszene noch etwas beweisen zu müssen. Das Album verband Dance-Pop, House, Reggae, Rock, Soul, Folk und weitere Stilrichtungen. Zu den beteiligten Musikern gehörten Chris Martin, Zac Brown, Wyclef Jean, Matisyahu, Alex Ebert, Sandro Cavazza und weitere Autoren und Sänger.
Die erste große Single war Waiting for Love, entstanden unter Beteiligung von Martin Garrix; den Gesang übernahm Simon Aldred von Cherry Ghost. Der Song rückte Aviciis typische Verbindung aus Klavierharmonie, großer Vocal-Melodie und Festival-House-Höhepunkt wieder in den Mittelpunkt. In den britischen Charts erreichte er Platz sechs.
In For a Better Day ist Alex Ebert zu hören, in Broken Arrows Zac Brown. Pure Grinding zeigt eine härtere, stärker rhythmisch ausgerichtete Seite seiner Produktion. An True Believer war Chris Martin beteiligt. Can’t Catch Me brachte Wyclef Jean und Matisyahu zusammen. Stories war damit keine Wiederholung der erfolgreichen Formel von Wake Me Up, sondern eine Erweiterung der Genreoffenheit, die bereits auf True angelegt war.
Die Entscheidung, nicht mehr zu touren
Bis 2016 war die Diskrepanz zwischen Berglings Studioarbeit und seinem Tourneeleben kritisch geworden. Am 29. März 2016 veröffentlichte Avicii einen offenen Brief, in dem er ankündigte, dass die Konzerte dieses Jahres seine letzte Tournee sein würden.
Diese Entscheidung wird häufig fälschlicherweise als «Ende seiner Musikkarriere» beschrieben. Bergling beendete lediglich seine regelmäßigen Live-Auftritte. Er erklärte ausdrücklich, weiterhin Musik produzieren und mehr Zeit im Studio verbringen zu wollen.
Nach Jahren nahezu ununterbrochener Reisen bot das Ende der Tourneen die Möglichkeit, Avicii als Bühnenfigur von Tim Bergling als Komponist zu trennen. Die Musik gab er nicht auf.
Aviciis letzter Auftritt
Aviciis letzter Live-Auftritt fand am 28. August 2016 im Ushuaïa Ibiza statt. Ibiza war während seiner gesamten Tourneekarriere einer seiner wichtigsten Orte: Die Insel tauchte regelmäßig in Berglings Terminplan auf und war eng mit jener europäischen Clubkultur verbunden, in der sich sein Erfolg entwickelt hatte.
Dieser Auftritt markierte das Ende von Aviciis Bühnenkarriere. Jahre später wurde eine professionelle Aufzeichnung des Konzerts als eigenständiger Film unter dem Titel Avicii — My Last Show veröffentlicht.
Ende 2016 endete außerdem Berglings langjährige Zusammenarbeit mit seinem Manager Ash Pournouri. Danach arbeitete Tim ohne die bisherige Managementstruktur weiter und konzentrierte sich auf Studiomaterial.
Rückkehr ins Studio und AVĪCI (01)
Berglings kreative Arbeit endete nicht mit dem Rückzug von der Bühne. Am 10. August 2017 erschien die sechs Tracks umfassende EP AVĪCI (01) — seine erste größere Veröffentlichung nach dem Ende der Tourneen.
Die EP enthielt Friend of Mine mit Vargas & Lagola, Lonely Together mit Rita Ora, You Be Love mit Billy Raffoul, Without You mit Sandro Cavazza und weitere Aufnahmen. Das Material setzte seine Entwicklung vom klassischen Progressive House hin zu songorientiertem elektronischem Pop fort, bei dem Vocal-Song und elektronische Produktion gleichberechtigt nebeneinanderstanden.
Besonders erfolgreich wurde Lonely Together mit Rita Ora, das Platz vier der britischen Charts erreichte. Auch Without You mit Sandro Cavazza wurde zu einem der wichtigsten späten Werke Berglings.
Die EP war als Beginn einer neuen Phase gedacht. Nach seinem Rückzug aus dem Tourneebetrieb konnte sich Bergling wieder auf das konzentrieren, womit seine Karriere im Kern begonnen hatte — Musik am Computer zu erschaffen.
Avicii: True Stories
2017 erschien außerdem der Dokumentarfilm Avicii: True Stories von Regisseur Levan Tsikurishvili. Die Kameras begleiteten Bergling während seines rasanten Aufstiegs, der Tourneen, der Verschlechterung seiner Gesundheit und seiner Entscheidung, nicht mehr aufzutreten.
Nach seinem Tod erhielt der Film zusätzliche Bedeutung, weil er nicht nur den enormen Live-Erfolg dokumentierte, sondern auch die körperlichen und psychischen Kosten permanenter Arbeit. Die Geschichte von Avicii wurde später zu einem der am häufigsten diskutierten Beispiele in der Debatte über die Gesundheit von Künstlern in der modernen Musikindustrie.
Die letzte Phase seines Lebens
Nach dem Ende seiner Tourneekarriere reiste Bergling, verbrachte Zeit mit Freunden und schrieb weiterhin Musik. Menschen, die in seinen letzten Monaten mit ihm arbeiteten, berichteten, dass er noch zahlreiche Ideen und umfangreiches Material für zukünftige Veröffentlichungen hatte.
Die Arbeit an neuer Musik lief intensiv weiter. Als Tim 2018 starb, befanden sich mehrere Stücke für ein künftiges Album bereits in einem fortgeschrittenen Produktionsstadium. Genau diese Sessions bildeten später die Grundlage für TIM.
Der Tod von Tim Bergling
Tim Bergling starb am 20. April 2018 in Maskat, Oman. Er wurde 28 Jahre alt. Die erste Mitteilung seines Vertreters bestätigte Ort und Datum des Todes, ohne eine Ursache zu nennen. Die omanische Polizei erklärte, es gebe keine Hinweise auf ein Verbrechen.
Später machte die Familie deutlich, was geschehen war, und die von seinen Eltern gegründete Tim Bergling Foundation nennt Suizidprävention ausdrücklich als einen ihrer zentralen Arbeitsbereiche. In offiziellen und familiären Materialien wird Tims Tod als Suizid bezeichnet.
Die letzten Jahre Berglings sollten ohne die Suche nach einem einzelnen Schuldigen und ohne Romantisierung der Tragödie betrachtet werden. Sein Vater Klas Bergling setzte sich später für einen offeneren Umgang mit psychischen Problemen, frühzeitige Hilfe und eine stärkere Verantwortung der Musikindustrie für die Arbeitsbedingungen junger Künstler ein. Dieser Ansatz wurde zur Grundlage der Arbeit der Familienorganisation.
TIM — das posthum veröffentlichte Album
Nach Tims Tod standen seine Familie und engsten musikalischen Partner vor einem umfangreichen Archiv unvollendeter Musik. Viele Stücke existierten nicht nur als frühe Skizzen, sondern als nahezu fertige Produktionen. Bergling hinterließ Demos, Arbeitsversionen, Kommentare, Nachrichten und Korrespondenz mit Co-Autoren, anhand derer sich seine Vorstellungen zu Arrangements und Vocals nachvollziehen ließen.
Mit Zustimmung der Familie vollendeten Carl Falk, Albin Nedler, Kristoffer Fogelmark, Vincent Pontare, Salem Al Fakir und weitere Musiker, die direkt mit Tim gearbeitet hatten, das Material. Ziel war nicht, ein neues Album «im Stil von Avicii» zu erschaffen, sondern jene Werke fertigzustellen, an denen Bergling selbst gearbeitet hatte.
Am 6. Juni 2019 erschien das Album TIM mit 12 Titeln und einer Gesamtlaufzeit von etwa 38 Minuten.
Die erste Single war SOS mit Aloe Blacc. Das Album enthält außerdem Tough Love mit Agnes und Vargas & Lagola, Heaven mit Gesang von Chris Martin, Heart Upon My Sleeve mit Imagine Dragons, Freak, Bad Reputation, Hold the Line, Fades Away und weitere Stücke.
Aviciis Einnahmen aus dem Album gingen an die Tim Bergling Foundation. Damit wurde sein letztes Studioalbum zugleich zur Fortsetzung seiner musikalischen Arbeit und zu einem Bestandteil des von seiner Familie aufgebauten Engagements für psychische Gesundheit.
Tim Bergling Foundation
Im Jahr 2019 gründeten Tims Eltern, Klas Bergling und Anki Lidén, die Tim Bergling Foundation. Zu den zentralen Arbeitsbereichen gehören psychische Unterstützung für Kinder und junge Menschen, Suizidprävention, der Abbau von Stigmatisierung rund um psychische Probleme sowie die Förderung von Projekten, die jungen Menschen Hilfe ermöglichen, bevor eine Krise kritisch wird.
Damit wurde auch eine andere Seite von Berglings Engagement fortgeführt. Bereits zu Lebzeiten spendete er beträchtliche Summen für Hungerhilfe und andere wohltätige Programme. Die Familie verstand die Stiftung daher nicht nur als Gedenkorganisation, sondern auch als Fortsetzung seines Wunsches, seine Ressourcen und Bekanntheit zu nutzen, um anderen zu helfen.
Avicii Tribute Concert
Am 5. Dezember 2019 fand in Stockholm das große Avicii Tribute Concert for Mental Health Awareness statt. Tims Musik wurde von seinen Co-Autoren, Sängern, DJs und einem großen Live-Ensemble aufgeführt.
Auf der Bühne standen Künstler, die unmittelbar mit seiner Geschichte verbunden waren, darunter Aloe Blacc, Rita Ora, Adam Lambert, Dan Tyminski, Sandro Cavazza und weitere. Im DJ-Teil traten David Guetta, Kygo, Nicky Romero, Laidback Luke und Vertreter jener Generation elektronischer Musik auf, mit der sich Aviciis Karriere entwickelte. Das Konzert war zugleich musikalisches Memorial und Veranstaltung zur Unterstützung der Tim Bergling Foundation.
Avicii Arena
Am 19. Mai 2021 erhielt die berühmte Stockholmer Arena Globen den neuen Namen Avicii Arena. Die Umbenennung stand nicht nur im Zeichen des Gedenkens an Bergling. Die Veranstaltungsstätte wurde Teil einer Initiative, die auf die psychische Gesundheit junger Menschen aufmerksam machen soll.
Für einen Künstler, dessen Karriere vor Zehntausenden Menschen in den größten Arenen und auf den bedeutendsten Festivals der Welt stattfand, wurde der Name Avicii damit in seiner Heimatstadt Stockholm in einem völlig neuen Kontext mit einer Konzerthalle verbunden — als Symbol für einen offenen Umgang mit psychischem Wohlbefinden.
Die offizielle Biografie Tim
2021 veröffentlichte der schwedische Journalist Måns Mosesson das Buch Tim — The Official Biography of Avicii. Für dessen Entstehung gewährte die Familie dem Autor Zugang zu Tims persönlichen Notizen, Nachrichten und weiteren Materialien; Mosesson sprach außerdem mit Verwandten, Freunden, Kollegen und Menschen, die mit Bergling gearbeitet hatten.
Das Buch wurde zu einer der ausführlichsten Quellen über den Menschen hinter dem Namen Avicii. Es trennt die öffentliche Geschichte des internationalen EDM-Stars von der persönlichen Geschichte eines jungen Komponisten, dem das Musikmachen wesentlich näher lag als das permanente Leben im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.
Avicii Experience
Im Februar 2022 wurde in Stockholm die interaktive Ausstellung Avicii Experience eröffnet. Sie befindet sich am Sergels Torg und widmet sich dem Leben, der musikalischen Arbeit und dem Studio-Prozess von Tim Bergling.
Die Ausstellung umfasst persönliche Gegenstände, Rekonstruktionen von Arbeitsräumen, Archivmaterial, Musik und interaktive Elemente, durch die Besucher nachvollziehen können, wie einige Avicii-Tracks entstanden. Ein Teil des Materials war zuvor nie öffentlich gezeigt worden. Die Ausstellung thematisiert außerdem den Unterschied zwischen Tims privatem Leben und der öffentlichen Figur Avicii.
Avicii — I'm Tim und My Last Show
Am 31. Dezember 2024 veröffentlichte Netflix zwei Projekte: den abendfüllenden Dokumentarfilm Avicii — I'm Tim und den Konzertfilm Avicii — My Last Show.
I'm Tim von Regisseur Henrik Burman basiert auf umfangreichem Heimvideomaterial, privaten Archiven und Interviews. Eine Besonderheit des Films ist, dass ein großer Teil der Geschichte von Tim selbst erzählt wird — anhand archivierter Aufnahmen seiner Stimme.
My Last Show dokumentiert Aviciis Auftritt im Ushuaïa Ibiza am 28. August 2016 — den letzten seiner Karriere. Gemeinsam zeigen die beiden Filme zwei Seiten derselben Biografie: den Menschen, der die Musik erschuf, und den Künstler, den ein Publikum von Zehntausenden sah.
Forever Yours und neue Archivprojekte
Am 14. Februar 2025 wurde Forever Yours (Tim's 2016 Ibiza Version) mit Gesang von Sandro Cavazza offiziell veröffentlicht. Bergling hatte 2016 an dem Song gearbeitet und diese Version während seiner letzten Tourneephase gespielt, darunter auch bei seinem letzten Auftritt im Ushuaïa Ibiza. Nachdem die Aufnahme in Netflix-Dokumentationen zu hören gewesen war, wuchs das Interesse der Hörer an Tims Version erneut, sodass sie eine eigenständige offizielle Veröffentlichung erhielt.
Am 16. Mai 2025 erschien die Compilation Avicii Forever. Sie enthält 19 Werke aus Aviciis Katalog sowie den zuvor unveröffentlichten neuen Track Let’s Ride Away mit Gesang von Elle King.
Ende 2025 wurde die Arbeit mit Berglings Archiv durch das Projekt Stories on Stories fortgesetzt — eine dokumentarische Miniserie über die Entstehung des Albums Stories, die unter anderem auf zuvor unveröffentlichtem Material aus Studiosessions basiert. Gleichzeitig wurde auch der Stories Megamix, der zur ursprünglichen Albumkampagne von 2015 gehörte, erneut offiziell veröffentlicht.
Wie Avicii Musik schrieb
Im Zentrum von Aviciis Musik stand fast immer die Melodie. Im Gegensatz zu einem großen Teil des Festival-EDM der frühen 2010er-Jahre, bei dem der möglichst schwere Drop häufig zum wichtigsten Moment eines Tracks wurde, baute Bergling seine Stücke um Akkordfolgen und einprägsame Motive auf. Der elektronische Höhepunkt war eine Fortsetzung des Songs und kein isolierter Effekt.
Deshalb funktionieren viele seiner Werke auch außerhalb elektronischer Arrangements. Wake Me Up, Hey Brother, The Nights, Without You oder Waiting for Love lassen sich auf akustischen Instrumenten spielen, ohne ihre zentrale musikalische Identität zu verlieren. Die rhythmische Produktion verstärkt den Song, ersetzt ihn aber nicht.
Ein zweites Merkmal war die Arbeit mit Sängern als Teil des Kompositionsprozesses. Bergling lud nicht einfach einen bekannten Sänger ein, über ein bereits fertiges Instrumental zu singen. Vocal-Melodie, Text, instrumentale Harmonie und Electronic Production entstanden häufig parallel. Daraus erklärt sich die ungewöhnlich große Bandbreite seiner Partner — von Aloe Blacc und Dan Tyminski bis zu Chris Martin, Nile Rodgers, Adam Lambert, Wyclef Jean, Rita Ora und Sandro Cavazza.
Ein drittes Merkmal war das Fehlen starrer Genregrenzen. Nach Levels hätte man von Avicii eine Serie nahezu identischer Progressive-House-Hits erwarten können. Stattdessen nutzte er seine Popularität, um akustische Gitarren, Bluegrass-Gesang, Nile Rodgers’ Disco-Gitarre, Rock-Songwriter, Soul-Sänger und Reggae-Elemente in den EDM zu integrieren.
FL Studio und der Studioansatz
Avicii gehörte zu einer Produzentengeneration, für die die Computer-Workstation selbst zu einem vollwertigen Musikinstrument geworden war. Ein großer Teil seines frühen wie auch späteren Materials entstand in FL Studio.
Seine Stärke bestand nicht in demonstrativer technischer Komplexität beim Programmieren. Bergling fand schnell Akkordfolgen, Melodien und emotionale Schwerpunkte einer Komposition und überarbeitete anschließend das Arrangement immer wieder, bis die Idee als geschlossenes Musikstück funktionierte.
Genau diese Fähigkeit erklärt, warum Aviciis musikalischer Charakter selbst in Arbeiten mit völlig unterschiedlichen Sängern und Genres erkennbar bleibt. Das verbindende Element ist nicht ein bestimmter Synthesizer oder ein Drum-Preset, sondern die Art, wie Melodie und harmonische Bewegung organisiert sind.
Avicii und die Veränderung der Popmusik der 2010er-Jahre
Aviciis historische Bedeutung beschränkt sich nicht auf die Popularität einzelner Hits. Levels wurde zu einem Symbol für den Moment, in dem Melodic Progressive House und Festival EDM Teil der weltweiten Massenkultur wurden. Sein langfristiger Einfluss ist jedoch stärker mit True und vor allem mit Wake Me Up verbunden.
Bereits vor 2013 arbeitete kommerzieller EDM intensiv mit Pop-Sängern. Bergling ging einen Schritt weiter: Er zeigte, dass eine elektronische Produktion die vollständige Identität eines Country-, Folk-, Bluegrass- oder Soul-Songs bewahren und gleichzeitig auf einer riesigen Festivalbühne funktionieren kann. Nach dem Erfolg von Wake Me Up galten solche Genreüberschneidungen in der weltweiten Popmusik nicht länger als Ausnahme.
Aviciis Einfluss ist auch bei jener Produzentengeneration zu erkennen, die nach dem ersten großen EDM-Boom aufkam. Melodisches Songwriting, emotionale Vocal-Tracks und der Versuch, Dance Production mit akustischen Genres zu verbinden, wurden zu einem normalen Bestandteil der Sprache elektronischer Popmusik.
Warum Aviciis Musik den EDM-Boom überdauerte
Viele Festivaltracks der frühen 2010er-Jahre waren eng an eine bestimmte Produktionstechnologie gebunden und alterten schnell mit ihr. Aviciis Katalog erwies sich als deutlich langlebiger.
Der Grund liegt im kompositorischen Fundament. Levels besitzt ein eigenständiges melodisches Thema. Wake Me Up funktioniert bereits als Song, bevor der elektronische Drop einsetzt. Hey Brother trägt sich über Dan Tyminskis Vocal-Melodie. The Nights existierte zunächst als akustisches Singer-Songwriter-Demo, bevor Avicii es produzierte. Without You lässt sich vom Festival-Arrangement lösen, ohne dass seine musikalische Konstruktion zerfällt.
Deshalb funktionieren Berglings Aufnahmen bis heute gleichzeitig als Clubmusik, Pop-Hits, akustische Cover und Ausgangsmaterial für neue Interpretationen.
Wichtigste Diskografie
Studioalben
- True — 2013, Debüt-Studioalbum
- Stories — 2015, zweites und letztes Studioalbum, das zu Aviciis Lebzeiten veröffentlicht wurde
- TIM — 2019, posthum veröffentlichtes Studioalbum, das von Co-Autoren und Produzenten auf Basis von Material fertiggestellt wurde, an dem Tim Bergling vor seinem Tod gearbeitet hatte
Remixalben
- True: Avicii by Avicii — 2014, Aviciis eigene Neuinterpretation des Materials von True, für die er neue Versionen seiner eigenen Kompositionen erstellte
EPs
- The Days / Nights — 2014, EP mit den Tracks The Days und The Nights sowie zusätzlichen Versionen
- AVĪCI (01) — 2017, sechs Tracks umfassende EP und Aviciis letzte größere Veröffentlichung zu Lebzeiten
Compilations
- Avicii Forever — 2025, posthum veröffentlichte Compilation mit zentralen Aufnahmen aus Aviciis Katalog sowie dem zuvor unveröffentlichten Track Let’s Ride Away mit Elle King
Vermächtnis
Tim Bergling wurde nur 28 Jahre alt, und die Phase seiner weltweiten Karriere war noch kürzer. Zwischen dem europäischen Erfolg von Seek Bromance und seinem letzten Auftritt auf Ibiza lagen rund sechs Jahre. In dieser Zeit entwickelte er sich von einem Teenager, der Musik im Internet veröffentlichte, zu einem Künstler, dessen Werke die Vorstellung davon veränderten, wo die Grenzen elektronischer Popmusik liegen können.
Sein Vermächtnis existiert heute in mehreren Formen. Dazu gehören Aufnahmen, die weiterhin von neuen Generationen gehört werden; Studiomethoden, die Teil der Sprache moderner Dance-Pop-Musik geworden sind; die Tim Bergling Foundation und ihre Projekte im Bereich psychischer Gesundheit; die Avicii Arena in Stockholm; die Avicii Experience; Dokumentarfilme und Archive, durch die Berglings Geschichte zunehmend von der Mythologie getrennt wird, die sich nach seinem frühen Tod entwickelt hat.
Auf der offiziellen Website der Tim Bergling Foundation wird heute darauf hingewiesen, dass bereits sechs Werke von Tim mehr als eine Milliarde Streams auf Spotify erreicht haben. Doch Aviciis Einfluss lässt sich nicht allein in Zahlen messen. Seine Musik wurde zu einem der wiedererkennbarsten Klänge ihrer Generation — von den ersten Sekunden der Synthesizer-Melodie in Levels über die akustische Gitarre von Wake Me Up und das Klavier in Waiting for Love bis zur Melodie von Without You.
Avicii ging nicht deshalb in die Musikgeschichte ein, weil er als Erster elektronische Musik mit Pop oder akustischen Instrumenten verband. Seine Leistung lag vielmehr darin, dies auf einem Niveau zu tun, auf dem die Grenze zwischen Clubtrack und Song praktisch ihre Bedeutung verlor. Auf den größten Festivals der Welt erklangen Kompositionen, die mit derselben Sorgfalt für Melodie und Harmonie geschrieben waren wie traditionelle Songs.
Hinter dem Namen Avicii stand jedoch immer Tim Bergling — ein Mensch, dem die Arbeit an Musik näher war als die Industrie, die um seinen Erfolg herum entstand. Das Verständnis dieses Unterschieds ist seit 2018 zu einem besonders wichtigen Teil seines Vermächtnisses geworden.
Aus der Redaktion von Minatrix.FM
Für die Redaktion von Minatrix.FM ist Avicii ein besonderer Künstler. Wir schätzen ihn nicht nur wegen Levels, Wake Me Up, The Nights, Hey Brother oder der vielen anderen Tracks, die Teil der Geschichte elektronischer Musik geworden sind. Wir schätzen Tim Bergling für eine seltene musikalische Gabe — die Fähigkeit, eine Melodie zu schreiben, von der wenige Sekunden genügen, um Jahre später einen bestimmten Moment des eigenen Lebens wieder in Erinnerung zu rufen.
Seine Musik begleitete eine ganze Generation von Hörern, DJs und Produzenten und klingt auch Jahre nach seinem Tod zeitgemäß. Er bewies, dass elektronische Musik riesig und festivaltauglich sein kann und zugleich persönlich, melodisch und echtes Songwriting bleiben kann. Viele Künstler hinterlassen erfolgreiche Veröffentlichungen. Tim hinterließ eine musikalische Sprache, die unabhängig von Zeit und Trends weiterlebt.
Im DJ-Ranking von Minatrix.FM bleibt Avicii für immer die Nummer 1. Für uns ist das keine Position, die mit dem Erscheinen einer neuen Rangliste verloren gehen kann. Es ist ein Platz zum Gedenken an einen Musiker, dessen Schaffen die elektronische Szene — und auch uns selbst — nachhaltig geprägt hat.
Danke für die Musik, Tim.
Avicii — Nummer 1. Für immer.










