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Nôze sind ein französisches Elektronikduo aus Paris, das von den Musikern Nicolas Sfintescu und Ezéchiel Pailhès gegründet wurde. Das Projekt entstand 2003 und erarbeitete sich durch die Verbindung von House, Minimal Techno, Jazz-Improvisation, Chanson, Cabaret, Funk, psychedelischem Pop und Live-Instrumenten eine besondere Stellung innerhalb der europäischen Clubszene.
Der Name des Duos wird korrekt als Nôze geschrieben — mit einem Zirkumflex über dem Buchstaben o. Auf digitalen Plattformen und in Suchanfragen ist jedoch auch häufig die vereinfachte Schreibweise Noze zu finden.
Nôze waren nie ein gewöhnliches Produzentenduo, das ausschließlich funktionale Tracks für DJ-Sets entwickelte. Ihre Kompositionen konnten als minimalistisches Clubstück beginnen und sich anschließend in eine Klavierballade, eine Jazzimprovisation, eine Chorszene oder ein beinahe folkloristisches Lied verwandeln. Diese Unberechenbarkeit wurde zur Grundlage des unverwechselbaren Stils des Projekts.
Zwei unterschiedliche musikalische Wege
Die innere Energie von Nôze entstand aus der Begegnung zweier Musiker mit völlig unterschiedlichen beruflichen Hintergründen.
Nicolas Sfintescu war eng mit der Pariser Elektronikszene verbunden. Er trat unter dem Namen DJ Freak auf, organisierte Partys, produzierte experimentellen House und gehörte zu den Mitbegründern des unabhängigen Labels Circus Company. Das Label war als Plattform für Künstler gedacht, denen die engen Grenzen von Techno und Minimal House zu starr erschienen.
Ezéchiel Pailhès kam dagegen aus einem akademisch geprägten Umfeld. Er erhielt eine klassische Musikausbildung, studierte Klavier und beschäftigte sich später mit Jazz. Elektronischer Musik begegnete Pailhès zunächst mit Skepsis, doch die Zusammenarbeit mit Sfintescu half ihm, in der Clubproduktion einen Raum für Komposition und Improvisation zu erkennen.
Sfintescu war vor allem für Rhythmus, Samples, Clubenergie und eine bewusst raue Präsentation verantwortlich. Pailhès brachte harmonische Komplexität, pianistische Ausbildung und die Freiheit des Jazz ein. Ihre gemeinsame Musik beruhte nicht auf der Beseitigung dieser Unterschiede, sondern auf dem ständigen Austausch zwischen zwei gegensätzlichen Ansätzen.
Die Gründung von Nôze
Nicolas Sfintescu und Ezéchiel Pailhès gründeten Nôze 2003 in Paris. Die ersten Arbeiten des Projekts erschienen auf den Labels Karat, Trapez und Circus Company.
Schon die frühen Kompositionen zeigten, dass die Musiker kein Interesse an stilistischer Reinheit hatten. Neben minimalistischen elektronischen Rhythmen tauchten Saxofon, präpariertes Klavier, akustisches Rauschen, vokale Ausrufe und Melodien auf, die an die Musik eines kleinen Straßentheaters erinnerten.
Eine der ersten Veröffentlichungen, EP1, wurde von Circus Company als neuer elektronischer Blick auf den Jazz vorgestellt. In Stücken wie Canicule, Outamimonclic und Newlyn standen tanzbare Passagen neben melancholischen instrumentalen Miniaturen.
In ihrer frühen Phase bewegten sich Nôze im Umfeld der Pariser Microhouse- und experimentellen Technoszene. Ihre Musik klang jedoch deutlich freier als die meisten minimalistischen Clubveröffentlichungen jener Zeit.
Circus Company
Die Geschichte von Nôze ist untrennbar mit Circus Company verbunden. Nicolas Sfintescu war an der Gründung des Labels beteiligt, während das Duo selbst zu den Projekten gehörte, die dessen künstlerische Sprache entscheidend prägten.
Circus Company verband House und Techno mit Jazz, Funk, absurdem Humor und experimentellen Songformen. Später erschienen dort Veröffentlichungen von Nicolas Jaar, dOP, Dave Aju, Portable, The Mole und weiteren Musikern, für die Clubmusik eher einen Ausgangspunkt als eine stilistische Begrenzung darstellte.
Nôze verkörperten diesen Ansatz besonders deutlich: In ihrem Verständnis konnte ein Elektronikproduzent zugleich Komponist, Sänger, Improvisator und Bühnenkünstler sein.
Craft Sounds and Voices
Das Debütalbum Craft Sounds and Voices erschien 2005 bei Circus Company. Es war ein kantiges und bewusst unebenes Werk, das experimentellen House, Minimal Techno, Free Jazz und improvisierte Musik miteinander verband. An den Aufnahmen waren auch Vertreter der Pariser Jazz- und Experimentalszene beteiligt.
Der Albumtitel betonte die beiden wichtigsten Elemente des Projekts: handwerklich erzeugten Klang und die menschliche Stimme. Die Musiker strebten nicht danach, ihre elektronische Produktion vollkommen glatt erscheinen zu lassen. Knarren, Atemgeräusche, ungleichmäßige Schläge, ungewöhnliche Gesangsintonationen und akustisches Rauschen blieben ein fester Bestandteil der Arrangements.
Der elektronische Rhythmus diente häufig als Gerüst, um das sich ein freies instrumentales Spiel entwickelte. Das Klavier konnte wie ein Schlaginstrument eingesetzt werden, während der Gesang weniger eine Geschichte erzählte, als zusätzliche rhythmische Akzente zu setzen.
Craft Sounds and Voices war nicht für den breiten Radioeinsatz gedacht. Seine Bedeutung bestand darin, dass Nôze der sterilen digitalen Präzision eine lebendige und körperlich spürbare Musik entgegensetzten.
Der Auftritt beim Sónar
Ein wichtiger Meilenstein war der Auftritt von Nôze beim Festival Sónar 2005 in Barcelona. Erst im Konzertformat konnte ein internationales Publikum die Idee des Projekts vollständig erfassen.
Auf der Bühne reproduzierten Sfintescu und Pailhès ihre Studioarrangements nicht wortgetreu. Sie veränderten die Länge einzelner Passagen, bauten Kompositionen um, integrierten Improvisationen und reagierten direkt auf das Publikum. Derselbe Track konnte in einem Club, auf einem Festival oder in einem intimeren Veranstaltungsraum deutlich anders klingen.
Der Auftritt beim Sónar verschaffte Nôze auch außerhalb Frankreichs Aufmerksamkeit und öffnete ihnen den Weg zu weiteren europäischen Festivals und Clubbühnen.
How to Dance
Das zweite Album How to Dance erschien 2006. Ein Teil des Materials war zuvor bereits auf Vinyl veröffentlicht worden, sodass die Platte zugleich ein neues Album und eine Sammlung der wichtigsten frühen Kompositionen darstellte.
Die Titelliste umfasste:
- Love Affair;
- Albert;
- Tulipschnaps;
- C;
- Kitchen;
- Gaïa;
- You Don’t;
- Pofamika;
- Outamimonclic;
- You Have to Dance.
Während das Debüt überwiegend experimentell ausgerichtet war, machte How to Dance die Musik des Duos für den Dancefloor zugänglicher. Die Rhythmen wurden direkter, Gesangsphrasen und Refrains traten deutlicher hervor, während die Jazzinstrumente und die bewusst ungeschliffene Spielweise erhalten blieben.
Besonders wichtig waren Love Affair und Kitchen. In diesen Stücken formte sich Nicolas Sfintescus charakteristisches Gesangsbild endgültig aus: ein heiserer, theatralischer und scheinbar leicht angetrunkener Bariton, der zwischen Tom Waits, französischem Cabaret und einem Conférencier im Nachtclub balancierte.
Kitchen
Kitchen gehört zu den frühen Songs, die den Humor von Nôze besonders treffend vermitteln. Ein elektronischer Groove trifft auf flirtenden Gesang und einen bewusst einfachen Text, der den alltäglichen Raum einer Küche in eine Bühne absurder Verführung verwandelt.
Später nahm das Duo für das Album Songs on the Rocks eine langsamere, beinahe balladenhafte Version des Stücks auf. Der Kontrast zwischen beiden Fassungen zeigt, wie frei Nôze mit ihrem eigenen Material umgingen.
You Have to Dance
In You Have to Dance wird die Idee der Clubmusik beinahe bis zur Parodie gesteigert. Eine Stimme fordert den Hörer dazu auf, zu tanzen, die ganze Nacht zu trinken und nicht zu vergessen, dass er lebt.
Hinter der komischen Form verbirgt sich ein wichtiges Prinzip von Nôze: Musik sollte nicht nur erklingen, sondern eine körperliche und emotionale Reaktion auslösen.
Remember Love
2007 veröffentlichten Nôze die EP Remember Love. Der Titeltrack wurde zu einem der bekanntesten und zugänglichsten Stücke des Duos.
Der Track basiert auf einem tiefen House-Groove, einer sich wiederholenden Klavierfigur und einem vokalen Refrain, der zugleich romantisch, ironisch und leicht absurd wirkt.
Remember Love funktioniert sowohl im Club als auch beim Hören zu Hause. Die Stimme wird nicht lediglich über ein fertiges Instrumental gelegt, sondern bildet einen vollwertigen Bestandteil der rhythmischen Struktur.
Der Song markierte den Übergang von Nôze vom experimentellen Microhouse zu einer geschlosseneren vokalen Form, die auf dem folgenden Album weiterentwickelt wurde.
Songs on the Rocks
Das dritte Album Songs on the Rocks erschien 2008 beim deutschen Label Get Physical Music. Die Zusammenarbeit mit einem der bedeutendsten europäischen House-Labels vergrößerte das internationale Publikum des Projekts erheblich.
Der Albumtitel lässt sich als musikalische Entsprechung eines Drinks „on the rocks“ verstehen, zugleich aber auch als Anspielung auf die schwankende, beinahe betrunkene Art des Vortrags. Auf diesem Album verwandelten sich Nôze endgültig von einem experimentellen Elektronikprojekt in eine ungewöhnliche Songgruppe.
Synthesizer und Microhouse-Details rückten etwas in den Hintergrund. Stattdessen standen Klavier, Gitarre, Blasinstrumente, Percussion, Chorsätze, theatralischer Gesang und traditionellere Strophe-Refrain-Strukturen im Mittelpunkt.
Danse Avec Moi
In manchen Quellen wird der Titel fälschlicherweise als Dance Avec Moi geschrieben. Die korrekte französische Form lautet jedoch Danse Avec Moi.
Das Stück entstand unter Mitwirkung von Dani Siciliano und dem französischen Sänger David Lafore. Es handelt sich um eine Art elektronischen Tango, in dem Klavier, Clubrhythmus und vokaler Dialog eine kleine Theaterszene bilden.
L’Inconnu du Placard
Der Song beginnt mit nervöser Percussion, einer kindlich wirkenden Xylofonmelodie und einem Chorsatz. Anschließend setzt eine heisere Stimme ein, die eine absurde Geschichte erzählt.
Die Komposition beruht auf einem für Nôze typischen Zusammenprall von Gegensätzen: Schönheit und Unbehagen, Humor und Beklemmung, professionelles Arrangement und bewusst nachlässige Darbietung.
Childhood Blues
Eine ausgedehnte Komposition mit schwerem Klavier, Chor und freien instrumentalen Passagen. Hier nähern sich Nôze dem experimentellen Bluesrock und dem Theater des Absurden.
Slum Girl
Eine der ambitioniertesten Arrangements des Duos: Bläser, marschartiges Schlagzeug, Streicher und filmische Harmonik treffen auf rauen Gesang.
Eine Instrumentalversion des Stücks erschien in Booka Shades Beitrag zur DJ-Kicks-Reihe, wodurch Nôze einem breiteren elektronischen Publikum vorgestellt wurden. Material des Duos wurde außerdem in DJ-Kicks-Ausgaben von Hot Chip und Booka Shade verwendet.
Die Bühnenmethode: zwischen Bar und Club
Die Musik von Nôze wurde häufig als ein Raum zwischen Nachtclub und Bar beschrieben. Die Kompositionen behielten einen stabilen Rhythmus, doch die Musiker unterbrachen die erwartete Bewegung immer wieder: Sie wechselten das Metrum, bauten akustische Pausen ein, gingen vom Gesang ins Schreien über oder ließen gezielt Unebenheiten in den Arrangements bestehen.
Bei Konzerten dienten vorproduzierte Fragmente lediglich als Grundlage. Das Duo arbeitete mit Klavier, Synthesizern, Saxofon, Percussion, Schlagzeug, Gitarre und Gesang. Auch die visuelle Ebene gehörte zur Aufführung: Die Musiker wechselten ihre Kleidung, bewegten sich ins Publikum und verwandelten die Bühne in ein kontrolliertes Chaos.
Diese Freiheit beruhte jedoch auf einem ausgeprägten Verständnis musikalischer Form. Um die Struktur einer Komposition aufbrechen und im richtigen Moment zum zentralen Groove zurückkehren zu können, mussten die Musiker Harmonie, Tempo und die Handlungen des jeweils anderen präzise erfassen.
Dring
Das vierte Studioalbum Dring erschien am 4. April 2011 bei Get Physical. Der Titel imitiert den Klang einer Türklingel — „dring-dring“. Nach Angaben von Nicolas Sfintescu entstand der Name während der Arbeit an einer gemeinsamen Komposition mit Riva Starr und wurde ohne kompliziertes Konzept ausgewählt.
Die Entstehung des Albums dauerte etwa zwei Jahre. Diesmal verzichteten die Musiker bewusst auf den Druck, einen großen Clubhit aufnehmen zu müssen. Sie mieteten ein Studio mit einem echten Flügel und luden Musiker ein, die bereits in der frühen Phase des Projekts beteiligt gewesen waren.
Im Vergleich zu Songs on the Rocks war das neue Werk instrumentaler und kompositorisch dichter. Es vereinte klassische Musik, Jazz, Reggae, Balkanbläser, französisches Chanson, internationalen Pop und filmische Arrangements.
Dabei begannen die Musiker die Aufnahmen nicht mit dem Vorsatz, einen eigenen „Reggae-Track“ oder „Jazzsong“ zu schreiben. Die stilistischen Elemente entstanden auf natürliche Weise während der Entwicklung der einzelnen Kompositionen.
C’era Una Volta
Das Eröffnungsstück basiert auf einem ungewöhnlichen Taktmaß, Bläserarrangements und der Atmosphäre eines Karnevalsumzugs. Es macht sofort deutlich, dass Dring keine Sammlung konventioneller House-Tracks ist.
Dring Dring
Der Song entstand unter Beteiligung des italienischen Produzenten Riva Starr. Nôze waren für die Bläser und melodischen Elemente verantwortlich, während der wiederkehrende Klingelton schließlich dem gesamten Album seinen Namen gab.
Zusammenarbeit mit dOP
An den Aufnahmen waren Musiker des französischen Kollektivs dOP beteiligt, das ebenfalls mit Circus Company verbunden war. Sfintescu bezeichnete sie als seine jüngeren musikalischen Brüder und erklärte, dass sich beide Projekte innerhalb desselben Studioumfelds entwickelt hätten.
Erweiterte Konzertbesetzung
Für die Promotion von Dring planten Nôze, nicht nur als Duo, sondern auch als erweiterte sechsköpfige Band aufzutreten, darunter ein Pianist und ein Live-Schlagzeuger.
Diese Konzerte sollten sich von gewöhnlichen Clubsets unterscheiden. Ihr Ziel bestand nicht nur darin, das Publikum zum Tanzen zu bringen, sondern es auch dazu anzuregen, die musikalische Entwicklung aufmerksam zu verfolgen.
Diese Phase markierte den Übergang von Nôze vom elektronischen Live-Act zu einem vollwertigen Konzertensemble.
Body Language Vol. 11
2012 stellte Nicolas Sfintescu die elfte Ausgabe der Reihe Body Language für Get Physical zusammen. Es war sein erster offizieller DJ-Mix in Albumlänge.
Die Serie sollte die musikalischen Interessen der eingeladenen DJs präsentieren. Sfintescus Ausgabe vereinte House, Techno, Downtempo und Jazzkompositionen.
Der Mix zeigte eine andere Seite des Musikers. Während die Konzerte von Nôze auf Improvisation und theatralischem Chaos beruhten, konnte Sfintescu in seiner DJ-Arbeit eine geschlossenere und konsequenter entwickelte Clubdramaturgie erschaffen.
Come With Us
Das fünfte Album Come With Us erschien 2015 bei Circus Company. Damit kehrte das Duo zu jenem Label zurück, bei dem seine Albumgeschichte begonnen hatte.
In den vier Jahren seit Dring war die Musik intimer und nachdenklicher geworden. Während die frühen Nôze in erster Linie darauf ausgerichtet waren, einen Club körperlich in Bewegung zu versetzen, sprach das neue Material häufiger den inneren Zustand des Hörers an.
Das Album enthielt:
- I Need to Know;
- Perdre son âme;
- Apache;
- Teardrops;
- The Crab Dance;
- Saint;
- Cherry Trees;
- Come With Me;
- Holding You;
- Supernova.
I Need to Know
Der Eröffnungssong entstand unter Mitwirkung von Dani Siciliano. Ihr Gesang tritt über einem discoorientierten Arrangement in einen Dialog mit Nicolas Sfintescu.
Apache
In Apache wird Sfintescus Entwicklung als Sänger besonders deutlich. Seine Stimme bleibt rau und theatralisch, wird nun jedoch nicht mehr nur für Humor oder Clubenergie eingesetzt, sondern auch als Mittel eines vollständigen musikalischen Erzählens.
Saint
Das Stück verbindet langsame, an Desert Blues erinnernde Gitarrenphrasen mit einer romantischen Atmosphäre. Die Gitarre wurde vom langjährigen Mitstreiter der Gruppe Thibault Frisoni eingespielt.
Come With Me
Der Song entstand mit dem dOP-Sänger JAW. Es handelt sich um eine bittersüße Ballade, in der die vertraute Theatralik von Nôze deutlich zurückhaltender wirkt.
Das Live-Schlagzeug des Albums wurde von Emiliano Turi eingespielt, der den Kompositionen einen natürlicheren Groove verlieh.
Zwei Versionen von Come With Us
Die CD-Ausgabe von Come With Us enthielt eine zusätzliche Disc mit Clubversionen sämtlicher Songs. Die Musiker bezeichneten diese Fassungen als Remixe, obwohl einige aufgrund des Umfangs ihrer Bearbeitung beinahe als eigenständige Werke betrachtet werden konnten.
Das Hauptalbum betonte die songorientierte und intime Seite von Nôze. Die Zusatzversion brachte das Material mithilfe von Synthesizern, Arpeggiatoren und mechanischen Drums zurück auf den Dancefloor.
Die Doppelausgabe wurde zu einer gelungenen Zusammenfassung der Entwicklung des Projekts: Dasselbe Material konnte sowohl als eigenständiger Autorensong als auch als Clubkomposition existieren.
Die Unterbrechung der gemeinsamen Arbeit
Nach fünfzehn Jahren gemeinsamer Arbeit kündigten Nôze an, dass sich Ezéchiel Pailhès und Nicolas Sfintescu künftig auf ihre eigenen Projekte konzentrieren würden. Die offizielle Mitteilung stellte diese Entscheidung nicht als konfliktreiche Trennung dar. Seit Come With Us erschienen jedoch keine weiteren Studioalben des Duos.
Mit Stand Juli 2026 wurde weder eine bestätigte Rückkehr von Nôze mit einem neuen Album noch ein vollständiges neues Konzertprogramm angekündigt. Daher ist es präziser, von einer Unterbrechung der gemeinsamen Tätigkeit zu sprechen, statt zu behaupten, die Musiker hätten das Projekt endgültig beendet.
Die Solokarriere von Ezéchiel Pailhès
Ezéchiel Pailhès begann bereits während der aktiven Zeit von Nôze mit dem Aufbau seiner Solodiskografie. Sein erstes Album Divine erschien 2013. Es folgten Tout va bien, Oh!, Mélopée, Ventas Rumba und SOL.
In seiner Solomusik konzentrierte sich Pailhès auf Klavier, Poesie, kammermusikalische Elektronik und die französische Liedtradition. Er komponierte Musik zu Texten von William Shakespeare, Victor Hugo, Pablo Neruda und Marceline Desbordes-Valmore.
Das 2024 veröffentlichte Instrumentalalbum Ventas Rumba entstand rund um das ungewöhnliche Una-Corda-Klavier und warme Synthesizerflächen. Ein Teil des Materials wurde in Lettland aufgenommen, während der Titel auf den Wasserfall Ventas Rumba verweist.
Im Juni 2026 veröffentlichte Pailhès sein sechstes Soloalbum SOL, das sich dem Erbe brasilianischer Popmusik, Samba und Bossa Nova widmet.
Seine Soloarbeiten führen die melodische und intime Linie fort, die bereits in der Musik von Nôze vorhanden war, nun jedoch ohne die Notwendigkeit, ein cluborientiertes Fundament beizubehalten.
Nicolas Sfintescu und DJ Freak
Nicolas Sfintescu war bereits vor Nôze ein aktiver Teil der Pariser Clubkultur und veröffentlichte elektronische Musik unter den Namen Freak und DJ Freak. Außerdem war er an der Gründung von Circus Company beteiligt.
Innerhalb des Duos war Sfintescu für weit mehr als nur die Programmierung der Rhythmen verantwortlich. Er wurde zur zentralen Bühnenfigur des Projekts — Sänger, Provokateur und eine Art Gastgeber des elektronischen Cabarets.
Seine Stimme strebte bewusst nicht nach akademischer Reinheit. Heiserkeit, französischer Akzent, Ausrufe und unregelmäßiger Gesang erzeugten innerhalb der elektronischen Konstruktion ein unmittelbares Gefühl menschlicher Präsenz.
Die musikalische Sprache und die Stellung von Nôze in der Elektronikszene
Nôze ausschließlich als House-Duo zu definieren, wäre unzutreffend. Ihr Katalog enthält Elemente von Minimal House, Microhouse, Tech House, experimentellem Jazz, Funk, Chanson, Blues, Reggae, psychedelischem Pop und Downtempo.
Dennoch wirkt ihre Musik nicht wie ein demonstrativer Katalog verschiedener Genres. Die unterschiedlichen Einflüsse entstanden innerhalb der Improvisation und ordneten sich dem Charakter der jeweiligen Komposition unter.
Die vielleicht treffendste Beschreibung lautet elektronisches Cabaret auf einem House-Rhythmus. Die Elektronik sorgt für Bewegung, Klavier und Bläser schaffen die Dramaturgie, während der Gesang den Track in eine kleine Bühnengeschichte verwandelt.
Eine besondere Rolle spielte das Klavier von Pailhès. Es konnte harmonisches Fundament, Schlaginstrument, Quelle einer wiederkehrenden Schleife oder Mittelpunkt einer intimen Ballade sein. Sfintescus Stimme wurde dagegen häufig als körperlicher und rhythmischer Klang eingesetzt: Die Phrasen wechselten vom Gesang zum Flüstern, Schreien oder beinahe bedeutungsloser Improvisation.
Humor half Nôze dabei, übermäßige akademische Strenge zu vermeiden. Die Musiker konnten anspruchsvolle Harmonien und Live-Bläser mit einem absurden Ausruf oder einer alltäglichen Handlung verbinden, ohne die Komposition zu einer bloßen Parodie zu machen.
Aus diesem Grund sollten Nôze nicht dem kommerziellen Flügel des French Touch zugerechnet werden. Ihre Musik entwickelte sich näher an Microhouse, experimentellem Techno und den Künstlern von Circus Company. Anstelle glatter Disco-Samples verwendeten sie Live-Improvisation, unregelmäßige Rhythmen, akustisches Rauschen und theatralischen Gesang.
Der Einfluss des Duos zeigte sich vor allem in der Entwicklung live gespielter elektronischer Musik. Nôze bewiesen, dass ein elektronischer Liveauftritt zu einer vollständigen Inszenierung werden kann — mit veränderlicher Struktur, Risiko, Improvisation und unmittelbarer Reaktion auf das Publikum.
Die Studioalben von Nôze
Craft Sounds and Voices — 2005
Ein experimentelles Debüt, das Free Jazz, Live-Instrumente, Minimal House und eine geräuschbasierte Ästhetik miteinander verband.
How to Dance — 2006
Ein tanzbarer und stärker vokal ausgerichteter Tonträger mit Love Affair, Kitchen und You Have to Dance.
Songs on the Rocks — 2008
Der Übergang zu Songwriting, Cabaret und instrumentalen Arrangements. Das Album enthält Remember Love, Danse Avec Moi, Childhood Blues und Slum Girl.
Dring — 2011
Ein weit ausgreifendes Album mit Flügel, Live-Ensemble, Jazz, klassischer Musik und internationalen Einflüssen.
Come With Us — 2015
Das letzte Studioalbum des Duos: intimer und introspektiver, ergänzt um eine separate Disc mit Clubversionen.
Fazit
Nôze entstanden auf dem Höhepunkt des digitalen Minimalismus, entschieden sich jedoch für einen lebendigeren und unberechenbareren Weg. Anstelle perfekt kontrollierter elektronischer Produktion setzten sie auf akustische Instrumente, Improvisation, rauen Gesang, Humor und bewusst erhaltene Unvollkommenheiten.
Von Album zu Album erweiterten sie ihre Ausdrucksform konsequent: vom experimentellen Microhouse und funktionalen Clubtracks über elektronisches Cabaret bis hin zu großen Instrumentalensembles und intimen Autorenliedern.
Nôze erfanden kein eigenes Genre, boten jedoch ein überzeugendes Modell für eine elektronische Gruppe, in der Programmierung und Live-Performance nicht miteinander konkurrieren. In ihren besten Kompositionen wird House zur Grundlage eines echten Musiktheaters — seltsam, melodisch und stets ein wenig unberechenbar.

