Victor PROG

«Король и Шут» (Korol i Shut) war eine russische Punkrock-Band aus Leningrad beziehungsweise Sankt Petersburg, die von 1988 bis 2013 bestand. Das kreative Grundkonzept der Gruppe wurde vor allem von Sänger und Komponist Mikhail Gorshenyov (Gorshok) sowie Sänger, Texter und Künstler Andrei Knyazev (Knyaz) geprägt. Die Band verband Punkrock mit erzählerischen Songs, Horror, Folklore und fantastischen Motiven und machte kurze Geschichten über Zauberer, Räuber, Tote, Narren und andere erfundene Figuren zu einem der unverwechselbarsten Konzepte des russischen Rock.
Zu den bekanntesten Songs von «Король и Шут» gehören «Лесник» (Der Förster), «Дурак и молния» (Der Narr und der Blitz), «Кукла колдуна» (Die Puppe des Zauberers), «Прыгну со скалы» (Ich springe von der Klippe), «Ели мясо мужики» (Die Männer aßen Fleisch), «Проклятый старый дом» (Das verfluchte alte Haus), «Воспоминания о былой любви» (Erinnerungen an eine vergangene Liebe), «Мёртвый анархист» (Der tote Anarchist), «Медведь» (Der Bär), «Ром» (Rum), «Марионетки» (Marionetten) und «Танец злобного гения» (Tanz des bösen Genies). Im Laufe ihrer Karriere entwickelte sich die Band vom Leningrader Punk-Untergrund und kleinen Clubs zu großen Konzerthallen und zu einem der wichtigsten Namen der russischen Rockszene der späten 1990er- und 2000er-Jahre.
«Контора» und der Einstieg von Andrei Knyazev
Die Geschichte der späteren Band «Король и Шут» begann 1988 in Leningrad. Mikhail Gorshenyov gründete gemeinsam mit seinen Schulkameraden Alexander Balunov, der später den Spitznamen Balu erhielt, und dem Schlagzeuger Alexander Shchigolev, bekannt als Poruchik, die Punkband «Контора» («Kontora»).
Andrei Knyazev gehörte nicht zur ursprünglichen Besetzung. Er lernte Gorshenyov etwa ein Jahr später während seiner Ausbildung an einer Restaurierungsschule kennen. Knyazevs Einstieg veränderte die Richtung des Projekts deutlich. Anstelle eher klassischer Punktexte begann die Band, in sich abgeschlossene Geschichten zu erzählen.
Knyazev schrieb kurze literarische Skizzen mit Figuren aus einer erfundenen Welt: Räubern, Wirten, Zauberern, Förstern, Toten, Narren, Hexen und Monstern. Darin verbanden sich schwarzer Humor, Fantasy, Folklore, gotische Erzählungen und Märchen. Gorshenyov war vor allem für die musikalische Seite verantwortlich und erwies sich dank seiner rauen, emotionalen Gesangsweise als idealer Interpret dieser Geschichten.
1990 nahm die Gruppe den Namen «Король и Шут» (Korol i Shut, Der König und der Narr) an. Zuvor waren unter anderem die Namen «Апокалипсис» (Apokalypse), «Армагеддон» (Armageddon), «Зарезанный одуванчик» (Der abgestochene Löwenzahn) und «Король Шутов» (König der Narren) im Gespräch.
Erste Aufnahmen und der Leningrader Untergrund
1991–1992 entstanden die ersten semiprofessionellen Aufnahmen von «Король и Шут», darunter «Охотник» (Der Jäger), «Мёртвая женщина» (Die tote Frau), «Король и Шут» und «В долине болот» (Im Tal der Sümpfe). «Охотник» und «В долине болот» wurden im Radio gespielt.
Der erste öffentliche Auftritt der Band fand 1992 in Igor Golubevs Rhythmusschule statt, die sich im Gebäude des Leningrader Rockclubs in der Rubinsteinstraße 13 befand. In der offiziellen Bandgeschichte wurde 1992 später als Beginn ihrer Konzertchronologie geführt.
1993 wurde «Король и Шут» zu einem festen Bestandteil des Clublebens von Sankt Petersburg. Eine wichtige Spielstätte war der Club Tam-Tam, der in der ersten Hälfte der 1990er-Jahre eine bedeutende Rolle für die Entwicklung der unabhängigen Rock- und Punkszene der Stadt spielte.
1994 nahm die Band in Eigenregie das Kassettenalbum «Будь как дома, путник!» (Fühl dich wie zu Hause, Wanderer!) auf. Zunächst wurde es nur in kleiner Auflage verbreitet und nicht als offizielles nummeriertes Studioalbum betrachtet. Später wurden die Songs professionell neu aufgenommen, und das Material erhielt einen wichtigen Platz in der Diskografie der Gruppe.
«Камнем по голове»
1995 stieß Gitarrist Yakov Tsvirkunov zur Band. Sein Einstieg wirkte sich deutlich auf die Arrangements aus: Der Gitarrensound wurde dichter und professioneller, und das Zusammenspiel zwischen den beiden Sängern und der Rhythmusgruppe wurde klarer ausgearbeitet.
1996 entstand im Studio Melodiya das erste offizielle Studioalbum «Камнем по голове» (Ein Stein an den Kopf). Diese Platte führte «Король и Шут» erstmals über die Sankt Petersburger Clubszene hinaus.
Auf dem Album erschienen Songs, die den frühen Stil der Band prägten, darunter «Дурак и молния», «Лесник», «Камнем по голове», «Садовник» (Der Gärtner), «Сапоги мертвеца» (Die Stiefel des Toten), «Два друга и разбойники» (Zwei Freunde und die Räuber) und weitere Stücke. Die Songs waren als abgeschlossene Geschichten mit Einleitung, Konflikt und überraschender Auflösung angelegt, blieben aber im kurzen, energiegeladenen Format des Punkrocks.
Im selben Zeitraum entstanden die ersten Musikvideos, und die Band begann, auf größeren Festivals gemeinsam mit bekannten russischen und internationalen Rockgruppen aufzutreten.
«Будь как дома, путник!» und landesweite Bekanntheit
1997 erschien das zweite offizielle Album, das zunächst schlicht «Король и Шут» hieß. Es bestand überwiegend aus neu eingespieltem Material des Kassettenalbums von 1994. Bei späteren Wiederveröffentlichungen erhielt die Platte den Titel «Будь как дома, путник!».
Der eigentliche Durchbruch kam um 1998–1999. Im Studio Melodiya nahm die Band «Акустический альбом» (Akustisches Album) auf, auf dem der vertraute Punkrock durch Violine, akustische Instrumente und melodischere Arrangements ergänzt wurde.
Auf diesem Album erschienen «Кукла колдуна», «Прыгну со скалы», «Наблюдатель» (Der Beobachter), «Девушка и граф» (Das Mädchen und der Graf), «Ведьма и осёл» (Die Hexe und der Esel) und weitere Songs. An den Aufnahmen waren Marina Kapuro sowie die Geigerinnen Maria Bessonova und Maria Nefyodova beteiligt. Letztere wurde später festes Mitglied der Band.
Besonders populär wurde «Прыгну со скалы». Der Song blieb lange im Radio und wurde später von den Hörern von Nashe Radio zum besten Lied des ersten Jahrzehnts des Senders gewählt.
Ein weiterer großer Hit dieser Zeit war «Ели мясо мужики». Das Musikvideo erschien bereits 1998 und lief häufig im Musikfernsehen. Die Geschichte eines Wirts, der seinen Gästen das Fleisch seiner eigenen Ehefrauen serviert, wurde zu einem der charakteristischsten Beispiele für den schwarzen Humor von «Король и Шут».
Von Clubs in große Hallen
Im Februar 1999 füllte die Band erstmals allein den Sankt Petersburger Sportpalast Yubileyny. Im selben Jahr wurde das Livealbum «Ели мясо мужики» aufgenommen.
Zu diesem Zeitpunkt war «Король и Шут» längst kein rein Sankt Petersburger Phänomen mehr. Die Songs liefen regelmäßig im Radio, die Musikvideos wurden auf Musiksendern gezeigt, und das Tourneegebiet wuchs schnell.
2000 erschien das Album «Герои и Злодеи» (Helden und Schurken). Zu den bekanntesten Stücken zählen «Дед на свадьбе» (Der Alte auf der Hochzeit), «Кузнец» (Der Schmied), «Невеста палача» (Die Braut des Henkers), «Мастер приглашает в гости» (Der Meister lädt zu Besuch ein) und «Воспоминания о былой любви».
Zur gleichen Zeit kam Alexander Leontiev (Renegat) als zweiter Gitarrist hinzu. Mit ihm wurde der Gitarrensound härter und die Livearrangements dichter.
«Как в старой сказке» und «Проклятый старый дом»
2001 erschien eines der zentralen Alben der Banddiskografie: «Как в старой сказке» (Wie in einem alten Märchen). Darauf befanden sich «Гимн шута» (Hymne des Narren), «Проклятый старый дом», «Тайна хозяйки старинных часов» (Das Geheimnis der Herrin der alten Uhr), «Возвращение колдуна» (Die Rückkehr des Zauberers), «Похороны панка» (Beerdigung eines Punks), die vollständige Version von «Воспоминания о былой любви» und weitere Stücke.
«Проклятый старый дом» (Das verfluchte alte Haus) wurde zu einem der größten Hits der Band. Der Song hielt sich mehrere Monate an der Spitze der Chartova Dyuzhina, und das Video lief häufig im Fernsehen.
Zu dieser Zeit hatte sich die typische Balance von «Король и Шут» endgültig herausgebildet: Punkenergie verband sich mit Hardrock-Riffs, melodischen Refrains, Violine und einer beinahe theatralischen Rollenverteilung zwischen den beiden Sängern.
«Жаль, нет ружья!» und der Höhepunkt der Popularität
2002 erschien das Album «Жаль, нет ружья!» (Schade, dass es kein Gewehr gibt!). Die Songs «Мёртвый анархист» und «Медведь» wurden zu festen Konzertnummern, während die Band regelmäßig auf den größten Bühnen spielte.
Am 11. August 2002 trat «Король и Шут» als einer der Headliner des Festivals Nashestvie auf. Für den Auftritt wurden eigens Bühnenbilder, Dekorationen und theatrale Elemente vorbereitet.
Anfang der 2000er-Jahre tourte die Band nicht nur durch Russland, die Ukraine und Belarus, sondern trat auch im Baltikum, in Kasachstan, Moldau, Israel, Finnland und den USA auf.
Am 18. Dezember 2003 spielte «Король и Шут» ein dreistündiges Großkonzert im Moskauer Sportkomplex Olimpiysky, das später auf Video veröffentlicht wurde.
«Бунт на корабле»
2004 verließ Maria Nefyodova die Band wegen ihres Umzugs in die USA. Im selben Jahr erschien «Бунт на корабле» (Meuterei auf dem Schiff), eines der härtesten Alben im Katalog von «Король и Шут».
Anstelle der für frühere Alben typischen Violine rückten harte Gitarrenparts und Hardcore-Einflüsse in den Vordergrund. Zu den Songs dieser Phase gehören «Хардкор по-русски» (Hardcore auf Russisch), «Месть Гарри» (Harrys Rache), «Исповедь вампира» (Beichte eines Vampirs), «Северный флот» (Nordflotte) und «Звонок» (Der Anruf).
Gleichzeitig arbeiteten beide Frontmänner zunehmend außerhalb der Band. Mikhail Gorshenyov nahm das Soloprojekt «Я — алкоголик, я — анархист» (Ich bin Alkoholiker, ich bin Anarchist) mit Songs von Brigadny Podryad auf, während Andrei Knyazev das Akustikalbum «Любовь негодяя» (Die Liebe eines Schurken) veröffentlichte.
Balus Ausstieg und eine neue Besetzung
2006 kam es zu einer der größten Besetzungsänderungen in der Geschichte der Band. Bassist Alexander Balunov, der zu den Gründungsmitgliedern gehörte, verließ die Gruppe. Nach mehreren Übergangslösungen wurde Sergey Zakharov (Zakhar) fester Bassist.
Den Violinpart übernahm Dmitry Rishko (Casper). Im Dezember erschien das Album «Продавец кошмаров» (Verkäufer der Albträume) mit Songs wie «Марионетки», «Ром», «Джокер» (Joker), «Пляски на могиле» (Tanz auf dem Grab) und weiteren Titeln.
Bis zum Ende des Jahrzehnts näherten sich die Konzerte von «Король и Шут» immer stärker einer Theatershow an. Neben Licht und Video setzte die Band Kulissen und visuelle Konzepte ein, die den erzählerischen Charakter ihrer Songs unterstrichen.
«Тень клоуна» und «Театр Демона»
2008 veröffentlichte die Band das Album «Тень клоуна» (Schatten des Clowns). Im Mittelpunkt des Konzepts stand die innere Zerrissenheit des Menschen. Einer der bekanntesten Songs war «Дагон» (Dagon), der von den Werken H. P. Lovecrafts beeinflusst wurde.
2010 folgte «Театр Демона» (Theater des Dämons). Die Musiker bezeichneten den Stil des Albums als “Art-Punk”. Die Platte unterschied sich deutlich von den üblichen elektrischen Arbeiten der Band: Akustikgitarre, Cello, Mandoline, Mundharmonika, Trompete und Percussion erhielten eine wichtige Rolle.
Auf dem Album erschienen «Танец злобного гения», «Фокусник» (Der Zauberkünstler), «Защитники» (Die Beschützer), «Театральный демон» (Der Theaterdämon) und weitere Songs. «Театр Демона» war das letzte vollständige Album aus der Zeit, in der Gorshenyov und Knyazev noch gemeinsam Mitglieder derselben Band waren.
Andrei Knyazev verlässt die Band
Im Frühjahr 2011 legte Andrei Knyazev seine Arbeit bei «Король и Шут» zunächst auf Eis, um sich auf sein eigenes Projekt KnyaZz («КняZz») zu konzentrieren. Im Dezember desselben Jahres gab er seinen endgültigen Ausstieg bekannt.
Die verbreitete Vorstellung, Gorshenyov sei danach einfach zum alleinigen Autor des vertrauten Repertoires von «Король и Шут» geworden, greift zu kurz. Die letzte Phase bildete vielmehr ein eigenes kreatives Kapitel: Mikhail konzentrierte sich auf eine groß angelegte Theaterproduktion, die sich deutlich vom bisherigen Modell der Band unterschied.
TODD
Das wichtigste Projekt der letzten Lebensjahre von Mikhail Gorshenyov war die Songoper TODD, basierend auf der Legende um den Londoner Barbier Sweeney Todd.
Die Arbeit an der Inszenierung begann 2011. Gorshenyov komponierte die Musik, beteiligte sich an der Entwicklung des Projekts und spielte die Hauptrolle. Für die Studioversion des Materials erschienen zwei Alben: «TODD. Акт 1. Праздник крови» (TODD. Akt 1. Fest des Blutes) im Jahr 2011 und «TODD. Акт 2. На краю» (TODD. Akt 2. Am Abgrund) im Jahr 2012.
Beide Platten bildeten eine zusammenhängende musikalische Erzählung und keine Sammlung einzelner Märchengeschichten. An den Aufnahmen waren Gastkünstler beteiligt, den Erzählertext des ersten Akts sprach Veniamin Smekhov.
Die Bühnenpremiere der Songoper fand am 6. und 7. November 2012 im Moskauer Theater des Filmschauspielers statt. TODD war damit kein posthum entstandenes Musical über «Король и Шут», sondern Gorshenyovs letztes großes eigenes Theater- und Musikprojekt.
Der Tod von Mikhail Gorshenyov
Am 19. Juli 2013 starb Mikhail Gorshenyov im Alter von 39 Jahren in seinem Haus in Sankt Petersburg. Bis zu einem geplanten Konzert von «Король и Шут» im Moskauer Grünen Theater blieb nur noch ein Tag.
Eine gerichtsmedizinische Untersuchung stellte als Todesursache eine toxische Kardiomyopathie mit akutem Herzversagen im Zusammenhang mit dem Konsum von Alkohol und Morphin fest.
Gorshenyovs Tod beendete faktisch die Geschichte von «Король и Шут» als aktive Band. Die Musiker entschieden sich dagegen, die Gruppe unter dem alten Namen mit einem neuen Frontmann fortzuführen.
«Severny Flot» und Projekte ehemaliger Mitglieder
Nach dem Ende von «Король и Шут» arbeitete ein Teil der letzten Besetzung unter dem Namen «Северный Флот» (Severny Flot, Nordflotte) weiter, der einem Song der Band entnommen war. Zur neuen Gruppe gehörten Alexander Leontiev, Yakov Tsvirkunov, Alexander Shchigolev, Pavel Sazhinov und Alexander Kulikov.
Andrei Knyazev setzte seine Arbeit mit KnyaZz fort. Ein bedeutender Teil der Songs von «Король и Шут» blieb Bestandteil seiner Konzertprogramme, insbesondere Stücke, die er selbst geschrieben hatte oder die mit seiner Zeit in der Band verbunden waren.
Auch andere ehemalige Mitglieder griffen das Erbe der Gruppe in Konzert- und Gedenkprojekten auf.
Warum die Songs von «Король и Шут» anders klangen
Die Musik der Band wird häufig als Punkrock bezeichnet, doch ein einzelner Genrebegriff reicht für ihren Katalog nicht aus. Im Laufe der Jahre kamen Elemente aus Hardrock, Hardcore, Folkrock, akustischer Musik und Theaterrock hinzu.
Das wichtigste Merkmal blieb die Struktur der Songs. Die meisten bekannten Stücke von «Король и Шут» sind weder Bekenntnislyrik noch klassischer sozialkritischer Rock, sondern kurze fiktionale Erzählungen.
Knyazev konnte innerhalb weniger Strophen eine Figur einführen, einen Konflikt aufbauen und die Geschichte zu einem düsteren oder komischen Ende führen. Die Musik unterstützte den Verlauf der Handlung: Tempo, Intonation und die Verteilung der Gesangsparts veränderten sich zusammen mit den Handlungen der Figuren.
Gorshenyov verfügte über eine ausdrucksstarke, theatralische Gesangsweise und konnte innerhalb eines einzigen Songs vom Erzähler zum handelnden Charakter wechseln. Knyazev übernahm häufig die Rolle einer zweiten Figur oder einer kontrastierenden Stimme. Dieses Zusammenspiel der beiden Sänger gehörte zu den wichtigsten Merkmalen der klassischen Phase der Band.
Folklore, Horror und eine eigene Welt
Trotz der verbreiteten Bezeichnung “Märchen-Punk” lassen sich die Texte von «Король и Шут» nicht auf russische Folklore reduzieren. Zwar tauchen Hexen, Waldgeister, Zauberer und dörfliche Legenden auf, ebenso stark sind jedoch Einflüsse aus europäischer Gothic-Literatur, Piratengeschichten, mittelalterlicher Ästhetik, Horror und eigenständiger Fantasy.
Einzelne Songs verwiesen auf konkrete literarische Vorlagen. In der späten Phase wurde Gorshenyovs Interesse an Theater und düsterer europäischer Literatur besonders deutlich; seinen Höhepunkt fand es in der Geschichte von Sweeney Todd.
So entwickelte die Band ein eigenes System wiederkehrender Motive, ohne diese an ein geschlossenes Erzähluniversum zu binden. Der Hörer verstand die Regeln dieser Welt meist sofort: Ein Wirt konnte sich als Mörder entpuppen, der Besitzer eines alten Hauses als Monster, eine Puppe einen eigenen Willen entwickeln und ein Narr klüger sein als ein König.
Besetzung und Musiker verschiedener Jahre
Im Laufe der Jahre spielten zahlreiche Musiker bei «Король и Шут», weshalb es nur bedingt sinnvoll ist, von einer einzigen unveränderten “klassischen Besetzung” zu sprechen. Besonders wichtig für die Geschichte der Band waren:
- Mikhail Gorshenyov (Gorshok) — Gesang, Musik, Mitgründer;
- Andrei Knyazev (Knyaz) — Gesang, Texte, Musik, Albumgestaltung;
- Alexander Balunov (Balu) — Bassgitarre, Mitgründer;
- Alexander Shchigolev (Poruchik) — Schlagzeug, Mitgründer;
- Yakov Tsvirkunov (Yasha) — Gitarre;
- Maria Nefyodova — Violine;
- Alexander Leontiev (Renegat) — Gitarre;
- Sergey Zakharov (Zakhar) — Bassgitarre;
- Dmitry Rishko (Casper) — Violine;
- Pavel Sazhinov — Tontechnik, später Keyboards.
Die Besetzung spiegelte die musikalische Entwicklung der Gruppe wider. Die Violine wurde zu einem wichtigen Bestandteil der melodischeren Phase Ende der 1990er- und Anfang der 2000er-Jahre, zwei Gitarren verstärkten den Rocksound der folgenden Zeit, während Keyboards und zusätzliche Instrumente in den späteren Arbeiten mehr Raum erhielten.
Diskografie von «Король и Шут»
Die zentrale Studio-Diskografie von «Король и Шут» umfasst den Zeitraum von 1996 bis 2012. In dieser Zeit entwickelte sich die Band vom geradlinigen Punkrock der ersten Platten über komplexere Arrangements, akustische Experimente und einen härteren Gitarrensound bis zur theatralischen TODD-Dilogie. Neben den regulären Studioalben existieren frühe Aufnahmen, Liveveröffentlichungen, offizielle Compilations und spätere Archivveröffentlichungen.
Studioalben
-
«Камнем по голове» (Ein Stein an den Kopf) (1996) — das erste offizielle Studioalbum von «Король и Шут» und eine der Schlüsselveröffentlichungen der frühen Phase. Hier entwickelte sich das grundlegende Modell der Band: kurze erzählerische Songs, Punkrock-Rhythmik, zwei Sänger und Geschichten mit schwarzem Humor oder fantastischer Wendung.
Das Album enthält «Дурак и молния», «Лесник», «Камнем по голове», «Садовник», «Сапоги мертвеца», «Два друга и разбойники», «Охотник» und weitere frühe Stücke.
-
«Король и Шут» / «Будь как дома, путник!» (1996–1997) — eine professionell aufgenommene Version eines großen Teils des frühen Repertoires. Das Album erschien zunächst unter dem Titel «Король и Шут», bei späteren Wiederveröffentlichungen setzte sich jedoch der Name «Будь как дома, путник!» durch, der auf die Kassettenaufnahme von 1994 zurückgeht.
Zu den bekanntesten Songs gehören «Будь как дома, путник!», «Истинный убийца» (Der wahre Mörder), «Лесные разбойники» (Waldräuber), «Проказник скоморох» (Der schelmische Spielmann), «Паника в селе» (Panik im Dorf), «Внезапная голова» (Der plötzliche Kopf), «Рыбак» (Der Fischer) und «Валет и дама» (Bube und Dame).
-
«Акустический альбом» (Akustisches Album) (1999) — eines der ungewöhnlichsten und populärsten Werke der Band. Die Punkrock-Basis trat zugunsten von Akustikgitarre, Violine und melodischeren Arrangements zurück.
Auf diesem Album erschienen «Кукла колдуна», «Прыгну со скалы», «Наблюдатель», «Девушка и граф», «Ведьма и осёл», «Блуждают тени» (Wandernde Schatten) und weitere Stücke. Das Album trug entscheidend dazu bei, dass die Band ein Publikum außerhalb der eigentlichen Punkszene erreichte.
-
«Герои и Злодеи» (Helden und Schurken) (2000) — die Rückkehr zu einem stärker elektrischen Sound nach dem akustischen Experiment. Die Violine blieb wichtig, doch die Gitarren rückten wieder ins Zentrum.
Das Album enthält «Дед на свадьбе», «Кузнец», «Разговор с гоблином» (Gespräch mit einem Goblin), «Вор, граф и графиня» (Der Dieb, der Graf und die Gräfin), «Невеста палача», «Мастер приглашает в гости» und eine frühe Version von «Воспоминания о былой любви».
-
«Как в старой сказке» (Wie in einem alten Märchen) (2001) — eines der bekanntesten Alben von «Король и Шут». Der Sound wurde dichter, die Songs erhielten umfangreichere melodische Arrangements.
Die Platte enthält «Проклятый старый дом», «Гимн шута», «Возвращение колдуна», «Тайна хозяйки старинных часов», «Похороны панка», «Кто это всё придумал?» (Wer hat sich das alles ausgedacht?) und die vollständige Version von «Воспоминания о былой любви».
-
«Жаль, нет ружья!» (Schade, dass es kein Gewehr gibt!) (2002) — ein Album aus der Phase der größten Massenpopularität der Band. Traditionelle Märchenmotive stehen hier neben härteren und direkteren Songs.
Zu den bekanntesten Titeln zählen «Мёртвый анархист», «Медведь», «Жаль, нет ружья!», «Волосокрад» (Haardieb), «Защитник свиней» (Beschützer der Schweine), «Два вора и монета» (Zwei Diebe und eine Münze), «От женщин кругом голова» (Frauen verdrehen einem den Kopf) und «Некромант» (Nekromant).
-
«Бунт на корабле» (Meuterei auf dem Schiff) (2004) — eines der härtesten Alben der Band. Nachdem die Violine aus der festen Besetzung verschwunden war, setzten die Musiker verstärkt auf Gitarren, Punk-Hardcore und aggressive Rhythmik.
Das Album enthält «Хардкор по-русски», «Месть Гарри», «Исповедь вампира», «Северный флот», «Звонок», «Хозяин леса» (Herr des Waldes), «Инквизитор» (Inquisitor) und weitere Stücke.
-
«Продавец кошмаров» (Verkäufer der Albträume) (2006) — das Album einer neuen Phase nach dem Ausstieg von Alexander Balunov. Mit Bassist Sergey Zakharov und Geiger Dmitry Rishko wurde die Violine wieder zu einem auffälligen Bestandteil der Arrangements.
Auf der Platte erschienen «Марионетки», «Ром», «Джокер», «Пляски на могиле», «Фред» (Fred), «Продавец кошмаров», «Город мертвецов» (Stadt der Toten) und weitere Songs.
-
«Тень клоуна» (Schatten des Clowns) (2008) — ein konzeptionell düstereres Werk, das sich um Motive von Doppeldeutigkeit, Wahnsinn und innerem Konflikt dreht.
Das Album enthält «Дагон», «Двое против всех» (Zwei gegen alle), «Ричард Гордон» (Richard Gordon), «Клеймённый огнём» (Vom Feuer gebrandmarkt), «А.M.T.V.», «Тень клоуна», «Тринадцатая рана» (Die dreizehnte Wunde) und weitere Stücke.
-
«Театр Демона» (Theater des Dämons) (2010) — ein experimentelles Album, das die Musiker selbst mit dem Begriff “Art-Punk” verbanden. Statt der gewohnten Wand aus E-Gitarren setzte die Band intensiv Akustikinstrumente, Cello, Mandoline, Trompete, Mundharmonika und Percussion ein.
Zu den bekanntesten Songs zählen «Танец злобного гения», «Фокусник», «Защитники», «Театральный демон», «Киногерой» (Filmheld), «Мадам Жоржетт» (Madame Georgette) und «Послание» (Die Botschaft).
-
«TODD. Акт 1. Праздник крови» (TODD. Akt 1. Fest des Blutes) (2011) — der erste Teil der konzeptionellen Rockoper über Sweeney Todd. Anders als auf den traditionellen Alben der Band sind hier alle Stücke durch eine durchgehende Handlung miteinander verbunden.
Zu den zentralen Nummern gehören «Добрые люди» (Gute Menschen), «Праздник крови», «Машина смерти» (Todesmaschine), «Смертный приговор» (Todesurteil), «Признание Ловетт» (Lovetts Geständnis) und «Первая кровь» (Erstes Blut). An dem Projekt waren Gastkünstler beteiligt, Veniamin Smekhov übernahm die Erzählerstimme.
-
«TODD. Акт 2. На краю» (TODD. Akt 2. Am Abgrund) (2012) — der zweite und abschließende Teil der Sweeney-Todd-Geschichte und die letzte Studioarbeit von «Король и Шут», die noch zu Lebzeiten von Mikhail Gorshenyov erschien.
Enthalten sind «На краю» (Am Abgrund), «Письмо Ловетт» (Lovetts Brief), «Смерть на балу» (Tod auf dem Ball), «Почему ты жива?» (Warum lebst du?), «Небесный суд» (Himmlisches Gericht), «Баллада о бедном цирюльнике» (Ballade vom armen Barbier) und weitere Nummern. Beide Akte wurden später mehrfach gemeinsam als Doppelalbum TODD veröffentlicht.
Frühe und archivierte Aufnahmen
- «Ересь» (Ketzerei) (1989) — eine der frühen Aufnahmen aus der Zeit von «Контора», der Vorgängerband von «Король и Шут». Sie gehört nicht zur offiziellen nummerierten Diskografie.
- «Истинный убийца» (Der wahre Mörder) (1993) — eine frühe Studioaufnahme des sich formierenden «Король и Шут». Sie kursierte lange Zeit inoffiziell und wurde erst deutlich später vollständig veröffentlicht.
- «Будь как дома, путник!» (1994) — eine eigenständige Kassettenaufnahme der frühen Besetzung. Sie darf nicht mit der späteren professionellen Studioversion verwechselt werden, die zunächst unter dem Titel «Король и Шут» erschien und später in «Будь как дома, путник!» umbenannt wurde.
Livealben
-
«Ели мясо мужики» (1999) — das erste offizielle Livealbum der Band. Der größte Teil des Materials wurde am 16. Juni 1999 im Sankt Petersburger Club Spartak aufgenommen.
Die Veröffentlichung enthält Liveversionen von «Ели мясо мужики», «Охотник», «Лесник», «Дурак и молния», «Прыгну со скалы», «Кукла колдуна» und weiteren Songs. Spätere Wiederveröffentlichungen erhielten erweiterte Tracklisten.
-
«Живая коллекция» (Live Collection) (2001) — eine Konzertaufnahme, die bereits 1998 für das gleichnamige Fernsehprojekt entstand. Sie dokumentiert die Band unmittelbar vor der Veröffentlichung des «Акустический альбом».
-
«Мёртвый анархист» (2003) — ein Livealbum, das während eines Konzerts im Jahr 2002 aufgenommen wurde. Die Aufnahme stammt aus der Phase von «Жаль, нет ружья!» und dokumentiert die Besetzung mit zwei Gitarristen und Maria Nefyodova an der Violine.
-
«На краю. Live» (2014) — ein posthum veröffentlichtes Livealbum. Die Aufnahme entstand am 2. Februar 2013, wenige Monate vor Mikhail Gorshenyovs Tod, und gehört zur letzten Konzertphase der Band.
-
«Концерт в Олимпийском» (Konzert im Olimpiysky) (2018) — die vollständige Audioversion des großen Moskauer Konzerts vom 18. Dezember 2003. Der Auftritt war bereits in den 2000er-Jahren auf Video erschienen, die erweiterte Audioausgabe folgte später.
-
Live 2000 (2024) — eine Archivveröffentlichung mit einer Konzertaufnahme der Band aus den frühen 2000er-Jahren, die offiziell erst mehr als zehn Jahre nach dem Ende der Gruppe erschien.
Offizielle Compilations
-
«Собрание» (Sammlung) (2000) — eine Zusammenstellung frühen und zu diesem Zeitpunkt bereits besonders bekannten Materials von «Король и Шут».
-
«Страшные сказки» (Gruselige Märchen) (2007) — eine Compilation mit Songs aus verschiedenen Jahren, die durch die für die Band typische märchenhaft-mystische Thematik verbunden sind. Obwohl sie in manchen digitalen Katalogen unter den Alben geführt wird, handelt es sich nicht um ein vollwertiges neues Studioalbum.
-
«Король и Шут. Часть 1» (Korol i Shut. Teil 1) (2023) — eine Compilation im Zusammenhang mit der gleichnamigen Fernsehserie. Sie enthält Originalaufnahmen der Band sowie Material, das in der Serie verwendet wurde. Die Soundtrack-Reihe wurde später durch weitere Veröffentlichungen und neue Versionen von Songs fortgesetzt.
Konzert- und Dokumentarvideos
- «Праздник Скоморох» (1997) — eines der ersten offiziellen Konzertvideos der Band.
- «Ели мясо мужики» (1999) — die Videoversion des Konzertprogramms zum gleichnamigen Album.
- «Мёртвый анархист» (2003) — ein Konzertvideo aus der Phase des Albums «Жаль, нет ружья!».
- «Страшные истории. Том 1» (Gruselgeschichten. Band 1) (2003) — eine Videosammlung mit Bandmaterial, Musikvideos und weiteren Archivaufnahmen.
- «Концерт в Олимпийском» (2003) — die Aufzeichnung des großen Konzerts im Moskauer Sportkomplex Olimpiysky vom 18. Dezember 2003. Sie erschien zunächst auf VHS und DVD und später auch in einer erweiterten Audiofassung.
Verwandte Soloveröffentlichungen
Einige Platten werden häufig fälschlicherweise direkt in die Diskografie von «Король и Шут» eingeordnet, obwohl es sich formal um eigenständige Projekte einzelner Bandmitglieder handelt.
- Mikhail Gorshenyov — «Я алкоголик анархист» (2004) — Gorshenyovs Soloprojekt mit seinen Versionen von Songs der Band Brigadny Podryad. Es handelt sich nicht um ein reguläres Studioalbum von «Король и Шут».
- Andrei Knyazev — «Любовь негодяя» (2005) — Knyazevs akustisches Soloalbum, aufgenommen während seiner Zeit als Mitglied der Band.
Zentrale Studio-Diskografie nach Jahren
- 1996 — «Камнем по голове»
- 1996–1997 — «Король и Шут» / «Будь как дома, путник!»
- 1999 — «Акустический альбом»
- 2000 — «Герои и Злодеи»
- 2001 — «Как в старой сказке»
- 2002 — «Жаль, нет ружья!»
- 2004 — «Бунт на корабле»
- 2006 — «Продавец кошмаров»
- 2008 — «Тень клоуна»
- 2010 — «Театр Демона»
- 2011 — «TODD. Акт 1. Праздник крови»
- 2012 — «TODD. Акт 2. На краю»
Vermächtnis und neues Interesse an der Band
Nach 2013 entwickelte der Katalog von «Король и Шут» ein Eigenleben. Die Songs der Band werden regelmäßig neu veröffentlicht, gehören zu den Konzertprogrammen ehemaliger Mitglieder und erreichen weiterhin ein großes Publikum auf digitalen Plattformen.
2023 erschien die fiktionalisierte Fernsehserie «Король и Шут», die gleichzeitig als biografische Geschichte der Band und als fantastische Reise durch die Welt ihrer Songs angelegt ist. Andrei Knyazev war als einer der Produzenten an dem Projekt beteiligt. Im selben Jahr erschien außerdem die Dokumentation «Михаил Горшенёв. Легенда о Короле и Шуте» (Mikhail Gorshenyov. Die Legende von Korol i Shut).
Die Bildschirmprojekte lösten eine neue Welle des Interesses an der Band aus, besonders bei Hörern, die ihre aktivste Phase nicht selbst miterlebt hatten. Die anhaltende Popularität des Katalogs lässt sich jedoch nicht allein mit Nostalgie erklären. «Король и Шут» hinterließ innerhalb des russischsprachigen Rock ein ungewöhnliches Werk, in dem viele Songs als eigenständige Kurzgeschichten funktionieren und kein Wissen über den historischen Kontext der 1990er- oder 2000er-Jahre voraussetzen.
Die Verbindung von Punkrock, Theater und literarischer Horrormärchen-Ästhetik blieb das wichtigste Alleinstellungsmerkmal der Band. Dieses Modell verschaffte «Король и Шут» einen eigenen Platz in der Geschichte der russischsprachigen Rockmusik — zwischen Punkszene, Mainstream-Rock und Musiktheater.










