
Zhanna Aguzarova (vollständiger Name — Zhanna Khasanovna Aguzarova; geb. 7. Juli 1962) ist eine sowjetische und russische Sängerin, Songwriterin und ehemalige Sängerin der Band „Браво“ sowie eine der eigenständigsten Künstlerinnen der russischen Rock- und Popmusik. Ihr Name ist vor allem mit den Liedern „Жёлтые ботинки“, „Старый отель“, „Кошки“, „Синеглазый мальчик“, „Ленинградский рок-н-ролл“, „Будь со мной“, „Мне хорошо рядом с тобой“, „Звезда“, „Марина“, „Не упрекай“ und „Королева Сансета“ verbunden. Aguzarovas Geschichte umfasst den Moskauer Rock’n’Roll-Underground der frühen 1980er-Jahre, die sowjetweite Popularität von „Браво“, eigenständige Autorenarbeit, mehrere Jahre in den USA und ihre anschließende Solokarriere.
Musikalisch erwies sich Aguzarova als eine deutlich ernsthaftere Künstlerin, als es das um sie herum entstandene Bild der exzentrischen „Marsianerin“ vermuten lässt. Ihre hohe, sofort wiedererkennbare Stimme wurde zu einem der wichtigsten Gründe für den frühen Erfolg von „Браво“. Nach ihrem Ausstieg aus der Band zeigte sie sich zudem als eigenständige Autorin, die russische urbane Romanze, Rock’n’Roll, New Wave, Pop-Rock und die Intonationen traditioneller Lieder miteinander verbinden konnte. Besonders deutlich wurde diese Seite ihres Schaffens auf dem „Русский альбом“, der sich stark vom Repertoire von „Браво“ unterschied.
Kindheit und widersprüchliche Angaben zur frühen Biografie
Zhanna Aguzarova wurde in der Siedlung Turtas in der Oblast Tjumen geboren. Ihre Kindheit und Schulzeit waren mit der Oblast Nowosibirsk verbunden. Die Angaben zu ihren frühesten Lebensjahren stimmen jedoch nicht in allen Punkten überein: Es gibt Aussagen ihrer Mutter, in denen eine andere geografische Herkunft und das Jahr 1963 genannt wurden. Aguzarova selbst bemühte sich nie darum, ihre Biografie ausführlich zu dokumentieren, und hielt während ihrer gesamten Karriere bewusst eine Atmosphäre der Ungewissheit um ihre Person aufrecht.
Nach der achten Klasse begann sie eine Ausbildung an einer Theaterschule in Nowosibirsk, die jedoch nicht lange dauerte. Anfang der 1980er-Jahre zog Aguzarova nach Moskau. Versuche, am GITIS sowie an der Gnessin-Musikpädagogischen Schule aufgenommen zu werden, blieben erfolglos, und eine Zeit lang ließ sie sich an einer Berufsschule zur Malerin ausbilden. Für ihr weiteres Leben wesentlich wichtiger wurde jedoch der Kontakt zur inoffiziellen Moskauer Musikszene.
Das Moskau der frühen 1980er-Jahre verfügte noch über keine entwickelte offizielle Rockindustrie. Junge Bands spielten auf Wohnungskonzerten, geschlossenen Veranstaltungen und halblegalen Konzerten, verbreiteten Aufnahmen auf Magnetbändern und existierten nahezu vollständig getrennt von der staatlichen Estrada. Genau in diesem Umfeld trat eine Sängerin auf, die sich Ivonna Anders nannte und schon damals durch ihr Verhalten, ihre Kleidung und ihre Stimme deutlich auffiel.
Begegnung mit Evgeny Khavtan und die Entstehung von „Браво“
Im Jahr 1983 lernte Aguzarova den Gitarristen Evgeny Khavtan kennen, der gemeinsam mit dem Schlagzeuger Pavel Kuzin eine neue Band gründete. Zur ursprünglichen Besetzung gehörten außerdem Bassist Andrey Konusov und Saxophonist Alexander Stepanenko. Aguzarova wurde Sängerin der Gruppe. Die ersten Proben des neuen Ensembles fanden im Herbst 1983 statt.
Mit genau dieser Besetzung entstand der Name „Браво“. Die Band unterschied sich bewusst von großen Teilen der sowjetischen Rockszene. Statt Hard Rock oder komplexen Progressive-Kompositionen orientierte sich Khavtan am Rock’n’Roll der 1950er- und 1960er-Jahre, an Beatmusik, Rockabilly, Twist und frühem Rhythm & Blues. Saxophon, Gitarre und ein beweglicher Rhythmus verbanden sich mit einem ungewöhnlichen weiblichen Gesang.
Aguzarova erwies sich für diese Musik als nahezu ideale Sängerin. Ihre Stimme verfügte über ein helles oberes Register und einen sehr klaren Toneinsatz, sodass selbst dichte Instrumentalarrangements die Gesangslinie nicht überdeckten. Gleichzeitig konnte sie bewusst leicht und verspielt singen und vermied dabei weitgehend die akademisierte Gesangsweise, die für die damalige sowjetische Estrada typisch war.
Auf der Bühne verstärkte sie die musikalische Wirkung durch Kleidung, Frisuren und Make-up. Leuchtende Farben, ungewöhnliche Kopfbedeckungen, Herrenanzüge, futuristische Details und Kleidungsstücke aus verschiedenen Epochen wurden miteinander kombiniert, ohne einem einheitlichen Stil folgen zu wollen. Später wurde diese Herangehensweise als untrennbarer Bestandteil Aguzarovas wahrgenommen, ursprünglich entsprach sie jedoch vollständig der Ästhetik der Band selbst — einer romantischen Vorstellung von Rock’n’Roll, Stilyagi-Mode und Freiheit vom sowjetischen Alltag.
Festnahme nach einem Konzert von „Браво“
Die ersten Auftritte von „Браво“ fanden ohne offiziellen professionellen Status statt. Am 18. März 1984 wurde ein Konzert der Band von der Miliz unterbrochen. Evgeny Khavtan bezeichnete diesen Tag später als eines der Schlüsseldaten in der frühen Geschichte der Gruppe.
Bei der Kontrolle der Dokumente stellte sich heraus, dass der Pass, den Aguzarova benutzte, gefälscht war. Nach Khavtans Erinnerungen erfuhren die Mitglieder von „Браво“ damals erstmals ihren wirklichen Namen. „Коммерсантъ“ berichtete, dass die Sängerin nach ihrer Festnahme aus Moskau ausgewiesen wurde und die folgenden anderthalb Jahre in der Oblast Tjumen bei Zwangsarbeiten verbrachte.
Für die junge Band war das Fehlen ihrer Sängerin ein ernstes Problem. „Браво“ setzte seine Tätigkeit eine Zeit lang mit anderen Sängerinnen fort, doch nach Aguzarovas Rückkehr übernahm sie erneut den Platz am Mikrofon.
Die Geschichte ihrer Festnahme wurde später zu einem der am häufigsten erzählten Teile ihrer Biografie. Für die musikalische Karriere ist jedoch etwas anderes wichtiger: Nach der erzwungenen Unterbrechung gab Aguzarova die Bühne nicht auf und kehrte genau zu dem Zeitpunkt zurück, als sich die staatliche Haltung gegenüber Rockmusik allmählich zu verändern begann.
„Браво“ verlässt den Underground
Mitte der 1980er-Jahre erhielt die sowjetische Rockszene mehr Möglichkeiten für offizielle Auftritte. „Браво“ wurde Mitglied des Moskauer Rock-Labors, nahm an großen Festivals teil und erhielt später professionellen Status.
Eine bedeutende Rolle beim Übergang der Band zu einem Massenpublikum spielte Alla Pugacheva, die die jungen Musiker unterstützte. Im Jahr 1986 trat „Браво“ mit Aguzarova in der Fernsehsendung „Музыкальный ринг“ auf, woraufhin die Bekanntheit der Band weit über die Moskauer Rockszene hinausging.
Genau in dieser Phase entstand das klassische Repertoire des frühen „Браво“.
„Жёлтые ботинки“ verband eine leichte Rock’n’Roll-Melodie mit Aguzarovas beinahe theatralischer Vortragsweise. „Старый отель“ wurde zu einem Beispiel für die romantischere Seite der Band. „Кошки“ basierte auf einer geschmeidigen melodischen Linie und einer für die sowjetische Estrada ungewöhnlichen Textgestaltung. „Синеглазый мальчик“ und „Ленинградский рок-н-ролл“ arbeiteten unmittelbar mit der Ästhetik des frühen Rock’n’Roll. In denselben Zusammenhang gehören „Медицинский институт“, „Звёздный каталог“, „Розы“, „Открытие“ und „Будь со мной“.
An einigen Liedern war Aguzarova direkt als Autorin beteiligt. So war sie unter anderem Co-Autorin von „Жёлтые ботинки“, „Открытие“ und „Будь со мной“, deren Musik Evgeny Khavtan schrieb.
Diese Beteiligung ist wichtig für das Verständnis ihrer späteren Solokarriere. Aguzarova war nicht nur eine auffällige Interpretin von Khavtans Material: Bereits innerhalb von „Браво“ sammelte sie zunehmend Erfahrung mit dem Lied als Autorin.
Die Schallplatte „Ансамбль „Браво““
Im Jahr 1987 veröffentlichte das Label „Мелодия“ die erste offizielle große Schallplatte der Band mit der Stimme von Zhanna Aguzarova. Heute wird dieses Material auch unter dem Titel „Жанна Агузарова и Браво“ verbreitet.
Für das sowjetische Publikum hatte die Platte besondere Bedeutung. Viele Kompositionen von „Браво“ waren bereits seit mehreren Jahren von Tonband zu Tonband kopiert worden, doch die offizielle Veröffentlichung verschaffte ihnen eine völlig andere Reichweite.
Auf der Aufnahme blieb genau jene Kombination von Elementen erhalten, die das frühe „Браво“ einzigartig machte: Khavtans klarer Gitarrensound, Saxophon, ein einfacher Rock’n’Roll-Rhythmus und Aguzarovas Stimme, die zugleich modern klang und an Estrada-Stimmen deutlich früherer Jahrzehnte erinnerte.
Gerade diese Kombination sorgte dafür, dass die Lieder ihre eigene Epoche überdauerten. Sie lassen sich weder vollständig der sowjetischen Estrada noch dem traditionellen Rock oder einer bloßen 1950er-Stilisierung zuordnen. „Браво“ schuf seinen eigenen Retro-Raum, und Aguzarova wurde zu dessen erster und ungewöhnlichster Stimme.
Ausstieg aus „Браво“
Im Jahr 1988 verließ Zhanna Aguzarova endgültig die Hauptbesetzung von „Браво“ und konzentrierte sich auf ihre Solokarriere. Vorausgegangen war eine schwierige Phase innerhalb der Band: Bereits 1986 war die Sängerin für kurze Zeit ausgestiegen, kehrte jedoch zurück und nahm anschließend an Aufnahmen und Tourneen der klassischen Besetzung teil.
Ihr Ausstieg bedeutete keinen vollständigen Bruch mit „Браво“. In den folgenden Jahren kehrte Aguzarova immer wieder zu den Liedern der Band zurück, nahm an Jubiläumsprogrammen teil und sang das frühe Repertoire weiterhin bei ihren Solokonzerten.
Für die Band selbst wurde der Sängerwechsel zum Beginn eines neuen Kapitels. Nach mehreren Übergangsbesetzungen war die erfolgreichste nächste Phase von „Браво“ mit Valery Syutkin verbunden. Doch gerade die Aufnahmen mit Aguzarova prägten das erste klassische Bild der Gruppe.
Beginn der Solokarriere
Nach ihrem Ausstieg aus „Браво“ versuchte die Sängerin nicht, das frühere Repertoire einfach unter ihrem eigenen Namen zu wiederholen.
Im Jahr 1989 stellte sie in der Sendung „Музыкальный ринг“ Solokompositionen vor, darunter „Звезда“, „Марина“ und „Незабудка“. Bereits dieses Material zeigte eine deutliche Veränderung ihrer musikalischen Sprache.
Die Rock’n’Roll-Dynamik von „Браво“ wich freieren Liedformen. Russische folkloristische Intonationen, urbane Romanze, akustische Instrumente und langsamere Kompositionen traten stärker hervor.
Gleichzeitig entschied sich Aguzarova für eine professionelle musikalische Ausbildung. Im Jahr 1990 schloss sie die Abteilung für Volksgesang an der Moskauer Musikschule M. M. Ippolitov-Ivanov ab.
Für eine Sängerin, die bereits sowjetweite Bekanntheit erlangt hatte, war dies ein ungewöhnlicher Schritt. Sie kehrte faktisch erst dann zu systematischer Ausbildung zurück, als sie bereits eine bekannte Interpretin geworden war.
„Русский альбом“
Das zentrale Werk ihrer ersten Solophase war „Русский альбом“, das an der Wende von den 1980er- zu den 1990er-Jahren aufgenommen und Anfang der 1990er veröffentlicht wurde. Auf digitalen Plattformen ist heute eine Neuauflage von 2019 verfügbar, weshalb das dort angegebene Datum nicht den ursprünglichen Entstehungszeitraum des Materials widerspiegelt.
Der Titel gibt das Konzept der Platte präzise wieder.
Während sich „Браво“ vor allem an amerikanischem und europäischem Rock’n’Roll, Beatmusik und urbaner Retro-Ästhetik orientierte, ging Aguzarova in die entgegengesetzte Richtung. Sie begann nach einer eigenen zeitgenössischen Form des russischen Liedes zu suchen.
Das Album enthielt „Мне хорошо рядом с тобой“, „Вернись ко мне“, „Орёл“, „Марина“, „Звезда“, „Зимушка“, „Соколов“, „Прикосновение к Есенину“, „Индустрия“, „Один поцелуй моряка“, „Луч“ und weitere Werke.
Die wichtigste Komposition der Platte ist „Мне хорошо рядом с тобой“, die Aguzarova selbst schrieb. Hier lässt sich besonders deutlich hören, dass ihr Solostil keine bloße Fortsetzung von „Браво“ ist. Die Melodie bewegt sich wesentlich freier, während der Gesang nicht mehr nur Teil eines dichten Rock’n’Roll-Ensembles ist, sondern zum Mittelpunkt der Komposition wird.
„Зимушка“ greift russische Volksbilder auf. „Марина“ und „Звезда“ stehen näher am Autoren-Pop und Rock, während „Прикосновение к Есенину“ unmittelbar mit der russischen poetischen Tradition arbeitet.
In diesem Material nutzt Aguzarova deutlich stärker das untere Register ihrer Stimme, lange Töne und freie Phrasierung. Während in den Liedern von „Браво“ die Präzision innerhalb kurzer Rock’n’Roll-Rhythmen eines der wichtigsten Merkmale war, beginnt die Stimme auf der Soloplatte nahezu unabhängig davon zu existieren.
Gerade deshalb nimmt „Русский альбом“ einen besonderen Platz in ihrer Diskografie ein. Es ist das Werk, das am überzeugendsten zeigt, dass Aguzarovas eigenständige musikalische Identität weit über die Lieder von Evgeny Khavtan hinausgeht.
Umzug in die USA
Im Jahr 1991 zog Aguzarova nach Los Angeles. Die amerikanische Phase ihres Lebens ist von zahlreichen Geschichten umgeben, von denen sich einige nur schwer unabhängig bestätigen lassen. Gesichert ist, dass sie weiterhin Musik machte, auftrat und mit Vasily Shumov, dem in den USA lebenden Leiter der Band „Центр“, zusammenarbeitete.
Der Umzug war eine logische Fortsetzung ihres Interesses an amerikanischer Musikkultur. Rock’n’Roll, Rockabilly, früher Rhythm & Blues und die visuelle Sprache der USA der Mitte des 20. Jahrhunderts waren bereits während ihrer Zeit bei „Браво“ in Aguzarovas Schaffen präsent. In Amerika versuchte sie jedoch nicht, eine konventionelle Karriere als russische Emigrantensängerin aufzubauen.
Stattdessen wurde die experimentelle Zusammenarbeit mit Shumov zu ihrem nächsten größeren Projekt.
Nineteen Ninety's
Im Jahr 1993 wurde in den USA das Album Nineteen Ninety's aufgenommen und veröffentlicht, das in Zusammenarbeit mit Vasily Shumov entstand. Die Kompositionen für das Projekt schrieb der Leiter von „Центр“.
Musikalisch unterscheidet sich diese Platte deutlich sowohl von „Браво“ als auch vom „Русский альбом“.
Shumov brachte die Ästhetik von New Wave, elektronischer Musik und Moskauer Post-Punk in das Material ein. Aguzarova befand sich in einem kühleren und experimentelleren Klangumfeld, in dem ihre Stimme anders eingesetzt wurde als in traditionellen Liedarrangements.
Diese Veröffentlichung zeigt eine der wichtigsten Eigenschaften der Sängerin: Ihr Timbre funktioniert in sehr unterschiedlichen musikalischen Systemen. Es bleibt gleichermaßen wiedererkennbar über der Rock’n’Roll-Gitarre von „Браво“, russischer akustischer Liedmusik und Shumovs synthetischen Arrangements.
Im selben Jahr 1993 trat Aguzarova erneut gemeinsam mit „Браво“ auf und nahm an einer großen Jubiläumstour zum zehnjährigen Bestehen der Band teil. Nach Angaben von „Коммерсантъ“ umfasste das Programm 32 Konzerte in Ländern der ehemaligen Sowjetunion.
Rückkehr und ein zurückhaltendes öffentliches Leben
In der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre trat Aguzarova immer häufiger in Russland auf und kehrte schließlich faktisch zur Konzertarbeit in ihrer Heimat zurück.
Ihr Karrieremodell unterschied sich zu diesem Zeitpunkt jedoch grundlegend von der üblichen russischen Popindustrie. Sie gab selten Interviews, beteiligte sich kaum an kontinuierlicher Fernsehpromotion und konnte für lange Zeit vollständig aus dem öffentlichen Raum verschwinden.
Das Interesse an ihr blieb dennoch bestehen.
Der Grund lag nicht nur in ihrer Exzentrik. Aguzarova verfügte inzwischen über ein Repertoire aus zwei unterschiedlichen musikalischen Generationen: die klassischen Lieder von „Браво“ und das Material des „Русский альбом“. Auf Konzerten ließen sich beide Bereiche ganz selbstverständlich in einem Programm verbinden.
In den 2000er-Jahren bildeten genau diese beiden Werkgruppen tatsächlich die Grundlage ihrer Auftritte. „Коммерсантъ“ erwähnte regelmäßige Moskauer Clubkonzerte der Sängerin zwischen 2003 und 2010, bei denen sowohl Kompositionen aus dem „Русский альбом“ als auch frühe Lieder von „Браво“ zu hören waren.
Back2Future
Im Jahr 2003 erschien Back2Future. Die Veröffentlichung vereinte Material aus verschiedenen Perioden und wird nicht im selben Maße als völlig neues Studiokapitel wahrgenommen wie der „Русский альбом“. Enthalten waren „Прогулка“, „Не упрекай“, „Майя“, „Плоскогорье Лэй“, „Каждый“, „День за днём“, „Цифры“, „Синий платочек“ und weitere Aufnahmen.
Der Titel selbst passt gut zu Aguzarovas Verhältnis zur Zeit. In ihrer Diskografie wechseln Lieder regelmäßig von einer Epoche in eine andere: Material, das viele Jahre vor seiner offiziellen Veröffentlichung entstand, kann ein neues Arrangement erhalten, während eine Liveaufnahme neben Studioaufnahmen stehen kann.
Deshalb lässt sich ein traditionelles chronologisches Modell der Diskografie auf Aguzarova nur teilweise anwenden. Das Veröffentlichungsjahr eines Albums bedeutet nicht automatisch, dass alle enthaltenen Stücke unmittelbar davor entstanden sind.
Bühnenbild und „Marsianer“-Mythologie
Kaum eine Biografie Aguzarovas kommt ohne ihre Geschichten über das Weltall, den Mars und ihre eigene außerirdische Herkunft aus. Die Sängerin selbst pflegte diese Sprache über Jahrzehnte hinweg in ihren seltenen Interviews und schuf damit bewusst eine fantastische Biografie um ihre Person.
Die „Marsianer“-Thematik wörtlich als Erklärung für ihre Popularität zu verstehen, wäre jedoch zu oberflächlich.
Das Image funktioniert, weil es die Musik selbst fortsetzt. Das frühe „Браво“ erschuf eine alternative Realität, in der das Moskau der 1980er gleichzeitig mit dem Rock’n’Roll-Amerika der 1950er existieren konnte. Als Solokünstlerin fügte Aguzarova Futurismus, russische Folklore, Vintage-Mode und fantastische Motive hinzu.
Ihr Bühnenstil versuchte fast nie, einfach nur modisch zu sein. Im Gegenteil: Sie kombinierte bewusst Dinge, die innerhalb klassischer Vorstellungen von Geschmack unvereinbar erscheinen konnten — glänzende Stoffe und folkloristische Elemente, Punkfrisuren und Abendkleider, Herrenanzüge und Weltraum-Accessoires.
Dadurch blieb ihr Image an keine bestimmte Mode der 1980er- oder 1990er-Jahre gebunden.
Die Stimme von Zhanna Aguzarova
Aguzarovas wichtigste musikalische Eigenschaft ist die Wiedererkennbarkeit ihres Timbres.
Ihre Stimme zeichnet sich durch ein helles, beinahe metallisches oberes Register, sehr klare Aussprache und die Fähigkeit aus, schnell von einer leichten, gesprochenen Intonation zu einem offenen und kraftvollen Klang zu wechseln.
Im frühen „Браво“ ist besonders die rhythmische Präzision wichtig. Aguzarova überlädt die Gesangszeilen nur selten mit Melismen und Verzierungen. Sie artikuliert die Texte sehr deutlich, wodurch der Gesang innerhalb der Rock’n’Roll-Rhythmik hervorragend funktioniert.
Gleichzeitig besitzt die Sängerin eine ausgeprägte Theatralik. Dasselbe Wort kann je nach Charakter des Liedes ernst, ironisch oder beinahe karikaturenhaft klingen. Besonders deutlich ist dies in „Жёлтые ботинки“, „Кошки“ und „Синеглазый мальчик“ zu hören.
In ihrer Solomusik zeigt sich eine andere Seite der Stimme. „Мне хорошо рядом с тобой“, „Звезда“, „Марина“ und „Не упрекай“ verlangen längere Phrasen und einen emotional offeneren Vortrag. Hier gibt es weniger spielerische Maske und deutlich mehr traditionelle vokale Melodik.
Diese Verbindung aus technischer Wiedererkennbarkeit und schauspielerischem Vortrag erklärt, warum Aguzarovas Stimme kaum mit anderen Sängerinnen ihrer Generation verwechselt werden kann.
Songwriterin
Die Solokarriere veränderte auch die Wahrnehmung Aguzarovas als ausschließlich interpretierende Sängerin.
Sie schrieb Musik und Text zu „Мне хорошо рядом с тобой“ und „Зимушка“ und war an der Entstehung weiterer Werke beteiligt, darunter „Орёл“, „Марина“, „Звезда“, „Незабудка“, „Индустрия“ und „Луч“.
In ihren eigenen Liedern finden sich nur selten komplexe kompositorische Strukturen. Die Grundlage bildet meist eine starke Melodie, die sich leicht von einem konkreten Arrangement lösen lässt.
Gerade deshalb können viele Lieder Aguzarovas bei Konzerten völlig unterschiedlich klingen und dennoch ihre Identität bewahren. Eine starke melodische Basis ermöglicht es, Instrumente, Tempo und Charakter der Begleitung zu verändern, ohne dass das Lied selbst verloren geht.
„Королева Сансета“
Im Jahr 2020 veröffentlichte Aguzarova überraschend das digitale Album „Королева Сансета“ — ihre erste größere Veröffentlichung unter eigenem Namen seit langer Zeit. Es umfasst 12 Kompositionen.
Es wäre jedoch nicht korrekt, das Album als vollständig neues Material zu bezeichnen.
Die Aufnahmen entstanden in unterschiedlichen Jahren. Das früheste enthaltene Lied, „Не упрекай“, stammt noch aus der Zeit um den Übergang von den 1980er- zu den 1990er-Jahren, während andere Kompositionen später in Moskau, Sankt Petersburg, London, Stockholm und Los Angeles aufgenommen wurden.
Das Album enthält „Королева Сансета“, „Ты мой любимый“, „Далеко“, „Не упрекай“, „Майа“, „Над тобою ярко горит звезда“, „Счастье придёт“, „Свободная земля“ und weitere Werke.
Der Titel bezieht sich auf den Sunset Boulevard in Los Angeles und setzt damit auf natürliche Weise den amerikanischen Teil der Biografie der Sängerin fort. Musikalisch versucht die Veröffentlichung jedoch nicht, eine bestimmte Epoche ihres Lebens zu reproduzieren. Pop-Rock, Elektronik, Elemente von New Wave und Aguzarovas charakteristische Melodik existieren nebeneinander.
Gerade diese Uneinheitlichkeit macht die Veröffentlichung zu einem interessanten Dokument: Sie ist eher ein von der Sängerin selbst zusammengestelltes Autorenarchiv mehrerer Perioden als ein Album, das in einer einzigen Studiosession aufgenommen wurde.
„Будь со мной“
Im Februar 2021 erschien eine weitere digitale Veröffentlichung — „Будь со мной“. In der Apple-Music-Version enthält sie acht Kompositionen, darunter „Путешествие“, „Будь со мной“, „Счастливая любовь“, „Мама“, „Синий троллейбус“, „Не упрекай“ und weitere Aufnahmen.
Wie „Королева Сансета“ besteht auch dieses Album nicht ausschließlich aus neuem Studiomaterial. Es verbindet Lieder aus verschiedenen Jahren mit Konzertaufnahmen.
Besonders interessant ist Aguzarovas Interpretation von „Синий троллейбус“ von Bulat Okudzhava. Die Hinwendung zu diesem Lied setzt die Linie des „Русский альбом“ fort, auf dem Aguzarova ihre eigene musikalische Individualität mit einer breiteren russischen Lied- und Dichtungstradition verband.
Rückkehr zu großen Konzerten
Trotz langer Phasen der Zurückgezogenheit verschwand Aguzarova nie vollständig von der Bühne.
Im Jahr 2022 gab sie ein großes Solokonzert im Grünen Theater der WDNCh in Moskau — ihr erster Auftritt dieser Größenordnung seit ungefähr sieben Jahren.
Im Programm verbanden sich erneut verschiedene Teile ihrer Karriere: Lieder von „Браво“, Solomaterial und Werke aus der späteren Phase. Dieses Prinzip ermöglicht es, die heutige Konzertkünstlerin Aguzarova nicht als Sängerin wahrzunehmen, die ausschließlich von der Nostalgie der 1980er lebt, sondern als Interpretin mit einem eigenen unabhängigen Katalog.
Im Jahr 2024 erhielt die Sängerin bei den MUZ-TV Awards den Sonderpreis „Легенда вне времени“.
Ihre öffentliche Aktivität bleibt dennoch selektiv. Aguzarova hält keinen konstanten Medienfluss aufrecht, veröffentlicht nur selten neue Musik und organisiert ihre Karriere nicht um jährliche Tourneezyklen. Diese Distanz ist längst Teil ihrer Stellung in der russischen Kultur geworden.
Musikstil
Das Schaffen von Zhanna Aguzarova lässt sich nicht präzise mit nur einem Genre beschreiben.
Die Zeit bei „Браво“ ist vor allem mit Rock’n’Roll, Rockabilly, Beatmusik, New Wave und Pop-Rock verbunden. Gleichzeitig versuchte die Band nie, die amerikanische Musik der 1950er-Jahre historisch exakt nachzubilden. Retro-Elemente wurden mit sowjetischer urbaner Liedtradition, Saxophon und der Ästhetik der Moskauer New Wave verbunden.
Auf dem „Русский альбом“ ändert sich die Richtung deutlich. Elemente von russischem Volkslied, Romanze, Autorenlied, Art Rock und Popmusik treten hervor.
Das amerikanische Nineteen Ninety's bewegt sich stärker in Richtung New Wave und experimentellem Rock, während spätere Aufnahmen elektronische Produktion, Pop-Rock und freiere Formen verwenden können.
Über all diese Perioden hinweg bleiben jedoch drei Elemente konstant: die Stimme, eine starke Melodie und die theatralische Interpretation des Textes.
Aguzarova und „Браво“: Warum diese Phase wichtig bleibt
In der Geschichte von „Браво“ gab es mehrere erfolgreiche Sänger, doch die Aguzarova-Phase nimmt eine besondere Stellung ein.
Mit Valery Syutkin wurde die Band zu einer der größten russischen Pop-Rock-Gruppen der frühen 1990er-Jahre und schuf eine neue Reihe von Hits. Doch es war Aguzarova, die an der Entstehung der ursprünglichen musikalischen Sprache von „Браво“ beteiligt war: weiblicher Gesang, Retro-Rock’n’Roll, Saxophon, auffällige Bühnenmode und das Gefühl einer musikalischen Alternative zum grauen sowjetischen Alltag.
Deshalb werden die frühen Lieder der Band heute gleichzeitig als Teil der Geschichte von „Браво“ und als Aguzarovas eigenes klassisches Repertoire wahrgenommen.
Sie singt diese Stücke weiterhin bei Soloauftritten, während digitale Plattformen die Interpreten häufig ausdrücklich als Bravo & Zhanna Aguzarova angeben und damit die doppelte Zugehörigkeit des Materials betonen.
Diskografie
Mit der Band „Браво“
„Ансамбль „Браво““ / „Жанна Агузарова и Браво“ — 1987
Die erste offizielle große Veröffentlichung der klassischen frühen Besetzung. Sie enthält Material, das die Band in der ersten Hälfte der 1980er-Jahre aufgenommen hatte. Zu den wichtigsten Liedern dieser Phase gehören „Жёлтые ботинки“, „Медицинский институт“, „Старый отель“, „Звёздный каталог“, „Кошки“, „Синеглазый мальчик“, „Ленинградский рок-н-ролл“ und weitere.
Wichtige Soloalben und größere Veröffentlichungen
„Русский альбом“ — 1991
Das wichtigste Solowerk ihrer frühen Phase. Es enthält „Мне хорошо рядом с тобой“, „Вернись ко мне“, „Орёл“, „Марина“, „Звезда“, „Зимушка“, „Прикосновение к Есенину“, „Индустрия“, „Луч“ und weitere Lieder. Eine digitale Neuauflage erschien 2019.
Nineteen Ninety's — 1993
Ein amerikanisches Projekt, das unter Beteiligung von Vasily Shumov aufgenommen wurde. Das Material steht deutlich näher an New Wave und experimentellem elektronischem Rock als an Aguzarovas frühen Soloarbeiten.
Back2Future — 2003
Ein Album, das Material aus verschiedenen Jahren vereint. Zu den enthaltenen Kompositionen gehören „Прогулка“, „Не упрекай“, „Майя“, „Плоскогорье Лэй“, „Каждый“, „День за днём“, „Цифры“ und „Синий платочек“.
„Королева Сансета“ — 2020
Ein digitales Album mit 12 Kompositionen, die in unterschiedlichen Perioden aufgenommen wurden. Dazu gehören „Королева Сансета“, „Ты мой любимый“, „Далеко“, „Не упрекай“, „Майа“, „Над тобою ярко горит звезда“ und „Свободная земля“.
„Будь со мной“ — 2021
Eine digitale Veröffentlichung, die Studiomaterial und Konzertaufnahmen miteinander verbindet. Die Apple-Music-Version enthält acht Kompositionen, darunter „Путешествие“, „Будь со мной“, „Мама“, „Синий троллейбус“ und „Не упрекай“.
Wichtige Songs
Zu den bedeutendsten Liedern von Zhanna Aguzarova gehören „Жёлтые ботинки“, „Старый отель“, „Кошки“, „Синеглазый мальчик“, „Ленинградский рок-н-ролл“, „Медицинский институт“, „Звёздный каталог“, „Открытие“, „Будь со мной“, „Мне хорошо рядом с тобой“, „Марина“, „Звезда“, „Зимушка“, „Незабудка“, „Не упрекай“, „Прогулка“, „Майа“, „Свободная земля“ und „Королева Сансета“.
Die Bedeutung von Zhanna Aguzarova
Aguzarova nimmt in der Geschichte der russischsprachigen Popmusik eine ungewöhnliche Stellung ein. Sie schuf keine riesige Diskografie, veröffentlichte nicht jedes Jahr Alben und hielt sich während eines großen Teils ihrer Karriere bewusst außerhalb permanenter Fernsehpräsenz. Dennoch sind Lieder mit ihrer Stimme auch Jahrzehnte später noch sofort wiederzuerkennen.
Das frühe „Браво“ ist ohne Aguzarova kaum vorstellbar: Gerade ihre Stimme half dabei, die Rock’n’Roll-Stilisierung der Band in eigenständige Musik zu verwandeln, statt lediglich die Vergangenheit zu rekonstruieren. Gleichzeitig bewies der Solo-„Русский альбом“, dass ihre künstlerische Sprache deutlich über die Ästhetik einer einzigen Band hinausgeht.
Ihr ungewöhnliches Bühnenbild verstärkte ihre Individualität zusätzlich, war jedoch nie ihr einziger Inhalt. Hinter den leuchtenden Kostümen und Geschichten über den Mars steht eine Sängerin mit seltenem Timbre, präzisem Rhythmusgefühl und einer eigenen Art, Melodien zu gestalten.
Besonders wichtig ist die Unabhängigkeit ihres künstlerischen Weges. Zunächst war Aguzarova für die offizielle sowjetische Estrada zu ungewöhnlich, dann wurde sie Teil einer der populärsten Bands des Landes, verließ sie auf dem Höhepunkt der Bekanntheit, nahm ein unerwartet russisch geprägtes Soloalbum auf, zog nach Los Angeles und veränderte ihre Musik gemeinsam mit Vasily Shumov erneut. Nach ihrer Rückkehr verzichtete sie faktisch auf die für Popkünstler typische permanente Medienpräsenz.
Deshalb definiert sich das Vermächtnis von Zhanna Aguzarova weder über die Zahl ihrer Veröffentlichungen noch über nur eine historische Epoche. „Жёлтые ботинки“ und „Старый отель“ stehen für den russischen Rock’n’Roll der 1980er-Jahre, „Мне хорошо рядом с тобой“ und „Звезда“ für ihre eigenständige Autorenphase, während das spätere Material weiterhin Lieder aus unterschiedlichen Jahrzehnten zu einer persönlichen Mythologie verbindet. Auf diesem gesamten Weg bleibt das Wichtigste unverändert — eine Stimme, die kaum mit irgendeiner anderen verwechselt werden kann.


