In diesem Artikel versuchen wir, die wahre Geschichte der Entstehung des DJ-Berufs zu ergründen.
Heute wird das Wort „DJ“ mit Clubs, Festivals und der elektronischen Szene assoziiert. Im professionellen und historischen Kontext ist DJing jedoch das Ergebnis der Verflechtung von Rundfunk, Tonaufnahmetechnologien, urbanen Musikkulturen und technischen Durchbrüchen des 20. Jahrhunderts.
Um zu verstehen, wer ein DJ im modernen Sinne ist, muss die Entwicklung des Berufs schrittweise betrachtet werden, indem man sie in zwei zentrale Strömungen unterteilt:
Radio-DJ und Club-DJ, die sich historisch parallel entwickelten und sich gegenseitig verstärkten.
Radio als Ausgangspunkt des Berufs
Die Ursprünge des DJings reichen bis an den Beginn des 20. Jahrhunderts zurück – lange vor dem Aufkommen kommerzieller Radiosender.
1906: die erste musikalische Radiosendung
Am 24. Dezember 1906 führte der Ingenieur Reginald Fessenden die erste Rundfunkübertragung von Sprache und Musik ohne Verwendung des Morsealphabets durch. Er sang ein Lied, spielte Geige und las einen Bibelabschnitt für Seeleute im Atlantik vor.
Dieser Moment gilt als Nullpunkt des Musikrundfunks – hier entstand erstmals die Idee einer Person, die Musik für ein Publikum auswählt und überträgt.
Die Entstehung des Radio-DJs
1920–1930er: Musik im Äther als Konzept
1927 erhielt der britische Radiomoderator Christopher Stone die Erlaubnis, Schallplattenmusik im BBC-Rundfunk auszustrahlen. Er spielte nicht nur Aufnahmen, sondern kuratierte die musikalischen Inhalte, kommentierte sie und prägte den Geschmack des Publikums.
Dies war der erste Fall, in dem eine Person zum Vermittler zwischen aufgezeichneter Musik und dem Hörer wurde – eine Kernfunktion des DJs.
Der Ursprung des Begriffs „Disc Jockey“
1935 verwendete der amerikanische Journalist Walter Winchell erstmals den Begriff disc jockey, um den Radiomoderator Martin Block zu beschreiben – einen Mann, der das Abspielen von Schallplatten in eine eigenständige Show verwandelte.
„He spins the discs like a jockey rides a horse“
(Paraphrase aus den Radiokolumnen von Walter Winchell)
Ab diesem Zeitpunkt war der DJ nicht mehr nur Techniker, sondern wurde zu einer öffentlichen Figur.
Der jamaikanische Einfluss: Selector, Sound Systems und die Geburt des MC
Über die Geschichte des DJings zu sprechen, ohne Jamaika der 1950er-Jahre zu erwähnen, ist unmöglich.
Dort entstanden:
- Sound Systems – mobile Beschallungsanlagen,
- Selectors – DJs, die Schallplatten auswählten und abspielten,
- Toasting – gesprochene Rhythmen über Beats.
Eine Schlüsselfigur war Tom the Great Sebastian, einer der ersten Architekten des kraftvollen Straßenklangs.
Die jamaikanische Kultur:
- verlagerte Musik aus geschlossenen Räumen auf die Straße,
- legte den Grundstein für die MC-Kultur,
- beeinflusste direkt Hip-Hop, Rap und die Interaktion zwischen DJ und Publikum im Club.
Vom Radio auf den Dancefloor: die Geburt des Club-DJs
Die ersten Partys ohne Live-Musik
Anfang der 1940er-Jahre begann Jimmy Savile in Großbritannien Tanzveranstaltungen zu organisieren, bei denen ausschließlich aufgezeichnete Musik von Vinyl lief. Dies war ein radikaler Wandel: Der DJ wurde wichtiger als das Live-Orchester.
Der technologische Durchbruch: von Pausen zu nahtlosem Mixing
Bis Mitte der 1950er-Jahre war DJing diskret: Zwischen den Tracks entstand „dead air“. Dieses Problem wurde mit Jingles oder Live-Schlagzeugern überbrückt.
Zentrale Technologien:
- 1955 – Doppelplattenspieler (Bob Casey)
- Slip-Cueing – Technik des Festhaltens der Platte bei rotierender Slipmat
- Beatmatching – Synchronisation der Tempi zweier Tracks
Francis Grasso – der Wendepunkt
Ende der 1960er-Jahre führte der DJ Francis Grasso in New York:
- Slip-Cueing ein,
- setzte Beatmatching erstmals systematisch ein,
- begann, die Dramaturgie eines Sets zu gestalten statt nur Tracks abzuspielen.
Von diesem Moment an wurde der DJ zum Architekten von Zeit und Rhythmus.
Direktantrieb-Plattenspieler und die Geburt des modernen DJings
1972: Technics SL-1200
Die Einführung von Plattenspielern mit Direktantrieb ermöglichte eine präzise Kontrolle von Geschwindigkeit und Tempo.
Diese Technik:
- standardisierte das Club-DJing,
- ermöglichte lange, fließende Mixe,
- machte den DJ zum Performer statt zum reinen Dienstleister.
Übersichtstabelle der Tonträger
| Zeitraum | Medium | Westen | UdSSR / GUS |
|---|---|---|---|
| 1940–60 | Tonbänder | Radio | Radio, Clubs |
| 1960–80 | Vinyl | Clubstandard | Mangelware |
| 1970–90 | Kassetten | Sekundär | Massenmedium |
| 1990–2000 | CD | Standard | Standard |
| 2000–2010 | MP3 | Revolution | Revolution |
| 2010–heute | Streaming | Norm | Norm |
Zentrale Erkenntnis
Die Club- und DJ-Kultur in den GUS-Staaten entwickelte sich entlang einer eigenen Trajektorie, in der Kassetten und Tonbänder eine ebenso grundlegende Rolle spielten wie Vinyl im Westen. Dies formte einen einzigartigen DJ-Typ – anpassungsfähig, technisch erfinderisch und publikumsorientiert, nicht formatgebunden.
Timeline: zentrale Daten
- 1906 – erste musikalische Radiosendung
- 1927 – Musik im BBC-Rundfunk
- 1935 – Begriff disc jockey
- 1950er – jamaikanische Sound Systems
- 1969 – Beatmatching (Grasso)
- 1972 – Technics SL-1200
- 1990er – digitales Zeitalter
- 2020er – hybrider DJ / Produzent / Streamer
Fazit: Wer ist der DJ heute?
Der moderne DJ ist längst nicht mehr nur jemand, der Musik auflegt. Er ist ein multidisziplinärer Medienprofi an der Schnittstelle von Kunst, Technologie und Kommunikation.
Heute übernimmt ein DJ mehrere Rollen zugleich:
Kurator des Musikflusses
Er gestaltet Klangräume, steuert die Stimmung des Publikums und baut die Dramaturgie eines Sets von den ersten Tracks bis zum Höhepunkt auf.
Künstler und Performer
Moderne Sets sind Shows mit Licht, Visuals, Tempo und Interaktion. Der DJ wird Teil des visuellen Narrativs.
Produzent und Sounddesigner
Die Grenze zwischen DJ und Produzent ist nahezu verschwunden. Eigene Tracks, Remixe und exklusive Edits prägen den individuellen Stil.
Medienpersönlichkeit und Kommunikator
Soziale Netzwerke und Streaming-Plattformen machen den DJ zu einem eigenständigen Medienkanal.
Technologischer Operator
Moderne DJs arbeiten mit digitalen Ökosystemen, Controllern, Standalone-Systemen und hybriden Setups und müssen Sound, Routing, Latenz und Formate verstehen.
Die wichtigste Veränderung des Berufs
War der DJ früher ein Vermittler zwischen Musik und Hörer, so ist er heute ein Schöpfer musikalischer Kontexte und kultureller Räume.
Das Fundament bleibt jedoch unverändert:
das Gespür für Zeit, Publikum und Musik.
Blick in die Zukunft
In den kommenden Jahren wird sich DJing weiter entwickeln hin zu:
- hybriden Formaten (Live + DJ)
- immersiven Shows
- Integration von KI als Werkzeug, nicht als Ersatz
- stärkerer Betonung von Kuratierung und Identität
Ein Beruf, geboren aus Radiowellen und Vinylplatten, ist nicht verschwunden – er hat sich weiterentwickelt und dabei seine Essenz bewahrt: Menschen durch Klang zu verbinden.
Quellen und Literatur
- Bill Brewster, Frank Broughton — Last Night a DJ Saved My Life
- David Toop — Rap Attack
- Brewster — How to DJ Right
- Dokumentararchive der BBC, WNYC
- Geschichte des Technics SL-1200
Autor des Artikels: Victor PROG