In diesem Artikel versuchen wir, die wahre Geschichte der Entstehung des DJ-Berufs zu ergründen.
Heute wird das Wort «DJ» meist mit Clubs, Festivals und elektronischer Musik verbunden. Doch modernes DJing entstand weder an einem einzigen Ort noch zu einem bestimmten Zeitpunkt. Seine Geschichte entwickelte sich aus mehreren parallelen Prozessen: der Entwicklung des Rundfunks, der Verbreitung von Tonaufnahmen, dem Aufkommen von Tanzveranstaltungen mit aufgezeichneter Musik, der jamaikanischen Sound-System-Kultur, amerikanischem Disco und Hip-Hop sowie später den digitalen Technologien.
Deshalb besitzt der Beruf keinen einzigen «Geburtsort». Der Radio-DJ, der Club-DJ, der Selector und der Hip-Hop-DJ entstanden in unterschiedlichen Umfeldern und übernahmen nach und nach Techniken, Geräte und Formen der Publikumsinteraktion voneinander.
Radio und die ersten Musiksendungen
Die Vorgeschichte des DJing beginnt in dem Moment, als aufgezeichnete oder live gespielte Musik über größere Entfernungen übertragen werden konnte und damit die Vorstellung von einer Person entstand, die musikalisches Material für ein Publikum auswählt.
1906: die berühmte Sendung von Reginald Fessenden
Als eines der wichtigsten Daten in der Geschichte des Rundfunks gilt der 24. Dezember 1906. Nach einer späteren Schilderung des kanadischen Ingenieurs Reginald Fessenden wurde von einer Station in Brant Rock, Massachusetts, ein Weihnachtsprogramm mit Sprache und Musik ausgestrahlt. Es enthielt eine Grammophonaufnahme, Fessendens eigene Darbietung einer Weihnachtsmelodie auf der Violine sowie einen Bibeltext.
Diese Sendung wird häufig als erste Radiosendung mit Musik und Sprache bezeichnet, die für ein entferntes Publikum bestimmt war. Rundfunkhistoriker weisen jedoch auf eine wichtige Einschränkung hin: Die ausführliche Beschreibung des Ereignisses erschien erst deutlich später, während nur sehr wenige zeitgenössische Dokumente erhalten geblieben sind. Daher ist es korrekter, sie als eine der frühen und bekanntesten Episoden in der Entwicklung des Musikrundfunks zu betrachten und nicht als unumstrittenen «Nullpunkt» des DJ-Berufs.
Wie der Radio-DJ entstand
Die 1920er: Schallplatten werden Teil des Rundfunks
Mit der Entwicklung des regelmäßigen Rundfunks setzten die Sender zunehmend aufgezeichnete Musik ein. Gleichzeitig entstand eine neue Rolle des Moderators: Er kündigte nicht mehr nur Konzerte an, sondern wählte Aufnahmen aus, stellte Interpreten vor und verband einzelne Stücke zu einer zusammenhängenden Sendung.
In Großbritannien gehörte Christopher Stone zu den Schlüsselfiguren. 1927 begann er bei der BBC Sendungen mit Schallplatten und Kommentaren zu moderieren und erwarb später den Ruf, einer der ersten britischen Radio-DJs gewesen zu sein.
Damit bildete sich eine der wichtigsten Funktionen des Berufs heraus: die Musikauswahl. Der DJ wurde zum Vermittler zwischen der riesigen Menge aufgezeichneter Musik und dem Hörer.
Die 1930er: der Begriff «disc jockey» entsteht
Der Ausdruck disc jockey verbreitete sich in den USA Mitte der 1930er-Jahre. Seine Entstehung wird gewöhnlich mit dem Journalisten und Radiokommentator Walter Winchell verbunden, der den Begriff in Bezug auf den Radiomoderator Martin Block verwendete.
Block wurde durch die Sendung Make Believe Ballroom bekannt, die auf dem Abspielen populärer Schallplatten und den Kommentaren des Moderators beruhte. Dieses Format zeigte, dass die Person am Plattenspieler ebenso bekannt werden konnte wie die Musiker, deren Aufnahmen sie spielte.
Gerade der Rundfunk gab dem DJ mehrere grundlegende Funktionen: Musikauswahl, Gestaltung der Reihenfolge von Stücken, Kommunikation mit den Hörern und Entwicklung eines eigenen, wiedererkennbaren Stils.
Von der Schallplatte auf die Tanzfläche
Parallel zum Radio entwickelte sich eine zweite Linie — die Nutzung aufgezeichneter Musik zum Tanzen.
In Veröffentlichungen zur Geschichte des DJing wird häufig der britische Radiomoderator Jimmy Savile erwähnt, der behauptete, bereits 1943–1944 Tanzveranstaltungen mit Grammophonplatten organisiert zu haben. Später wurde ihm auch ein früher Einsatz von zwei Plattenspielern zugeschrieben. Seine angebliche absolute Vorreiterrolle bleibt jedoch umstritten: Tanzveranstaltungen mit aufgezeichneter Musik existierten auch an anderen Orten, und Teile dieser Geschichte sind vor allem aus Saviles eigenen späteren Erinnerungen bekannt.
Die Entstehung des Club-DJs lässt sich daher besser nicht als Erfindung einer einzigen Person verstehen, sondern als schrittweiser Übergang von Orchestern und Musikautomaten zu einer Situation, in der ein Mensch die aufgezeichnete Musik und die Stimmung auf der Tanzfläche steuerte.
Paris und die frühe Diskothekenkultur
Im Nachkriegseuropa wurde Paris zu einem der Zentren dieses Prozesses. 1947 eröffnete das Whisky à Go-Go, das häufig zu den frühen Einrichtungen eines neuen Typs gezählt wird, in denen aufgezeichnete Musik zur Hauptunterhaltung wurde.
Anfang der 1950er-Jahre war Régine Zylberberg, bekannt als Régine, mit dem Club verbunden. Anstelle einer gewöhnlichen Musikbox verwendete sie zwei Plattenspieler, um die Reihenfolge der Aufnahmen zu kontrollieren und die Pausen zwischen ihnen zu verkürzen. Dieser Ansatz kam bereits dem Arbeitsprinzip sehr nahe, das später zum Standard des Club-DJing wurde.
Jamaika: Sound Systems, Selectors und MCs
Ein eigenständiger und äußerst wichtiger Zweig der Geschichte entwickelte sich auf Jamaika in den 1950er- und 1960er-Jahren. Dort verbreiteten sich Sound Systems — leistungsstarke mobile Anlagen aus Verstärkern, Lautsprechern und Plattenspielern, um die herum Straßentänze organisiert wurden.
Innerhalb dieser Kultur bildeten sich eigene Rollen:
- sound system — die eigentliche Tonanlage und die Crew, die sie betrieb;
- selector — die Person, die Schallplatten auswählte und abspielte;
- deejay im jamaikanischen Verständnis — ein Performer, der über einer musikalischen Grundlage sprach oder sang;
- toasting — eine rhythmisch gesprochene Art der Mikrofonarbeit über dem Beat.
Zu den frühen einflussreichen jamaikanischen Sound Systems gehörte Tom the Great Sebastian, später folgten die Systeme von Coxsone Dodd und Duke Reid. Sie konkurrierten über Lautstärke, die Auswahl seltener Platten und die Fähigkeit, das Publikum zu fesseln.
Das jamaikanische Modell veränderte die Wahrnehmung aufgezeichneter Musik grundlegend. Eine Schallplatte war nicht mehr nur die Kopie eines Studiowerks: Musikauswahl, Lautstärke, Reihenfolge der Tracks und der Einsatz des Mikrofons wurden zu Bestandteilen einer eigenständigen Performance.
Diese Kultur hatte großen Einfluss auf die weitere Entwicklung von Reggae, Dub und Hip-Hop.
New York Ende der 1960er: Mixing wird zur Kunst
Ende der 1960er-Jahre beschränkte sich der Club-DJ nicht mehr darauf, populäre Schallplatten nacheinander abzuspielen. In New York entstand eine Technik, die eine flüssigere Steuerung der Tanzfläche ermöglichte.
Francis Grasso und Beatmatching
Eine der zentralen Figuren dieser Zeit war Francis Grasso. Während seiner Arbeit in New Yorker Clubs wurde er zu einem der Pioniere des systematischen Beatmatching — des Mixens zweier Aufnahmen durch Angleichung ihres Rhythmus.
Grasso erfand das slip-cueing nicht von Grund auf. Die Technik stammte aus dem Rundfunk: Eine Schallplatte wurde auf einer gleitenden Unterlage festgehalten, während sich der Plattenteller weiterdrehte, und im richtigen Moment losgelassen. Grasso übertrug ähnliche Techniken auf den Clubbetrieb und lernte, die nächste Aufnahme direkt in den Rhythmus der vorherigen einzuführen.
Damit veränderte sich die Logik des DJ-Sets. Einzelne Stücke wurden nicht länger nur als unabhängige Nummern wahrgenommen, sondern als Teile eines kontinuierlichen musikalischen Flusses. Tempo, Dynamik und der Zeitpunkt des Übergangs wurden ebenso wichtige Werkzeuge des DJs wie die Auswahl der Platten selbst.
Direktantrieb und Technics
Der nächste große Wandel wurde durch die Konstruktion der Plattenspieler möglich.
1970: Technics SP-10
1970 brachte Technics den SP-10 auf den Markt — den ersten serienmäßig produzierten Plattenspieler mit Direktantrieb, bei dem der Motor den Plattenteller unmittelbar antrieb.
Der Direktantrieb bot stabile Geschwindigkeit, schnellen Start und hohe Zuverlässigkeit. Ursprünglich war diese Technologie nicht speziell für DJs entwickelt worden, doch ihre Eigenschaften erwiesen sich als äußerst praktisch für den Rundfunk und die Clubarbeit.
SL-1100 und SL-1200
1971 erschien der Technics SL-1100, 1972 folgte das erste Modell des SL-1200. Letzteres wurde nach und nach zu einer der wichtigsten Plattformen in der Geschichte des Club-DJing.
Stabile Rotation, hohes Drehmoment, die Möglichkeit zur Geschwindigkeitskorrektur und Widerstandsfähigkeit bei intensiver Nutzung erleichterten präzises Cueing und Mixing.
Besonders wichtig war das Ende der 1970er-Jahre veröffentlichte Modell SL-1200MK2 mit einem komfortablen Pitch-Regler. In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich die SL-1200-Familie zum faktischen Standard in vielen Clubs und Radiostudios.
Dabei sollte Ursache und Wirkung nicht verwechselt werden: Beatmatching existierte bereits vor dem SL-1200. Technics erfand die Technik des Mixens nicht, sondern stellte DJs ein außergewöhnlich praktisches und zuverlässiges Werkzeug für deren Weiterentwicklung zur Verfügung.
Hip-Hop: der Plattenspieler wird zum Musikinstrument
In den 1970er-Jahren entwickelte sich in der Bronx ein weiterer revolutionärer Zweig der DJ-Kultur. Während Club-DJs vor allem auf einen kontinuierlichen Tanzfluss zielten, begann der frühe Hip-Hop, die Aufnahme selbst aktiv neu zu strukturieren.
DJ Kool Herc und Breaks
Im August 1973 veranstaltete der jamaikanische Einwanderer DJ Kool Herc eine später legendär gewordene Party in der Bronx. Beim Beobachten der Tänzer stellte er fest, dass instrumentale Schlagzeugpassagen — sogenannte Breaks — besonders starke Reaktionen hervorriefen.
Mit zwei Plattenspielern begann Herc, solche Passagen zu verlängern, indem er zwischen den Platten wechselte. Aus dieser Praxis entwickelte sich die Arbeit mit Breakbeat, die einen enormen Einfluss auf die Entstehung des Hip-Hop hatte.
Grandmaster Flash
Grandmaster Flash entwickelte die technische Seite dieses neuen Ansatzes weiter. Er markierte Schallplatten sorgfältig, perfektionierte das präzise Zurückkehren zu bestimmten Stellen und entwickelte Methoden für schnelles Umschalten zwischen Breaks. Plattenspieler und Mixer wurden faktisch zu einem gemeinsamen Performance-Instrument.
Grand Wizzard Theodore und Scratching
Mit Grand Wizzard Theodore wird die Entwicklung des Scratching verbunden — das rhythmische Vor- und Zurückbewegen einer Schallplatte unter der Nadel. Mitte der 1970er-Jahre verwandelte diese Technik den mechanischen Klang der Interaktion zwischen Platte und Plattenspieler in ein eigenständiges musikalisches Ausdrucksmittel.
So entstand die Richtung, die später als Turntablism bezeichnet wurde: Der DJ wählte und kombinierte nicht mehr nur fertige Aufnahmen, sondern schuf aus ihnen in Echtzeit neue rhythmische Strukturen.
Disco, House und das DJ-Set als eigenständige Form
In den 1970er-Jahren erweiterte die New Yorker Clubszene die Vorstellung davon, was ein DJ-Set sein konnte. Lange Clubnächte ermöglichten es, nicht nur Hits aneinanderzureihen, sondern über mehrere Stunden eine musikalische Dramaturgie aufzubauen.
Vinyl-Singles erschienen zunehmend in verlängerten Versionen. Das 12-Zoll-Format erwies sich für Clubs als besonders geeignet: Es bot Platz für längere Versionen von Stücken und günstige Aufnahmecharakteristiken für leistungsstarke Soundsysteme.
Club-DJing wurde zu einem wichtigen Bestandteil der Entwicklung von Disco, und in den 1980er-Jahren ging die daraus entstandene Kultur des kontinuierlichen Mixes in House, Techno und andere Formen elektronischer Tanzmusik über.
Vom Vinyl zum digitalen DJing
Der Übergang ins digitale Zeitalter verlief schrittweise. Vinyl verschwand nicht von einem Tag auf den anderen: Über viele Jahre existierte es parallel zu CDs, Computern und neuen Arten von Abspielgeräten.
Die 1990er: die CD kommt in die DJ-Kabine
1994 stellte Pioneer den CDJ-500 vor — einen professionellen CD-Player mit horizontalem Aufbau und Bedienelementen, die speziell für den DJ-Einsatz konzipiert waren. Er wurde zum Ausgangspunkt der CDJ-Familie, die später den Clubstandard stark veränderte.
Das digitale Medium bot mehrere praktische Vorteile: kompaktere Musiksammlungen, schnellen Zugriff auf Tracks und keinen mechanischen Verschleiß der Disc bei normaler Wiedergabe.
Die 2000er: CDJ, MP3 und digitales Vinyl
Zu Beginn der 2000er-Jahre beschleunigte sich der Wandel. Der Pioneer CDJ-1000 brachte die Steuerung digitaler Tracks näher an das vertraute Arbeiten mit Vinyl, während DVS-Systeme es ermöglichten, Audiodateien auf einem Computer mithilfe spezieller Timecode-Platten zu steuern.
Eines der ersten weithin bekannten DVS-Systeme war Final Scratch. Dadurch konnte der DJ das taktile Arbeiten mit Plattenspielern beibehalten und gleichzeitig eine digital gespeicherte Musikbibliothek nutzen.
Controller, USB und Standalone-Systeme
Später machten Laptops, DJ-Software und MIDI-Controller professionelle Funktionen zugänglicher und kompakter. Gleichzeitig entwickelte sich der Clubbereich in Richtung Mediaplayer, die mit USB-Speichern und vorbereiteten Musikbibliotheken arbeiten konnten, ohne dass während des Auftritts zwingend ein Computer erforderlich war.
Das Grundprinzip des Berufs änderte sich dabei nicht. Medien und Benutzeroberflächen wandelten sich, doch DJs standen weiterhin vor denselben grundlegenden Aufgaben: Material auswählen, es im richtigen Moment einsetzen, Stücke verbinden und die Reaktion des Publikums verstehen.
Wie sich Medien und Werkzeuge des DJs veränderten
| Zeitraum | Wichtigste Medien und Technologien | Was sich veränderte |
|---|---|---|
| 1920er–1950er | Grammophonplatten, Radio | Der Beruf des Moderators entwickelt sich, der aufgezeichnete Musik auswählt und präsentiert |
| 1950er–1960er | Vinyl, zwei Plattenspieler, Mixer, Sound Systems | Aufgezeichnete Musik wird zur Grundlage von Tanzveranstaltungen und einer eigenständigen Clubkultur |
| 1970er–1980er | 12-Zoll-Vinyl, Direktantrieb, Clubmixer | Beatmatching, lange Übergänge, Scratching und andere Performance-Techniken entwickeln sich |
| 1990er | Vinyl und CD | Digitale Player halten nach und nach Einzug in die professionelle DJ-Szene |
| 2000er | CDJ, MP3, Laptops, DVS | Die Musiksammlung wird digital, während vertraute Formen der manuellen Steuerung erhalten bleiben |
| 2010er–2020er | USB, DJ-Controller, Standalone-Systeme, Softwarebibliotheken | Musikvorbereitung und Performance werden in einem digitalen Ökosystem zusammengeführt |
Schlüsseldaten in der Geschichte des DJing
- 1906 — die Reginald Fessenden zugeschriebene Weihnachtsübertragung von Sprache und Musik
- 1927 — Christopher Stone beginnt bei der BBC Sendungen mit Grammophonplatten zu moderieren
- 1935 — der Begriff disc jockey wird durch Walter Winchell und Martin Block bekannt
- 1940er–1950er — aufgezeichnete Musik wird zunehmend bei Tanzveranstaltungen und in frühen Diskotheken eingesetzt
- 1950er–1960er — Blütezeit jamaikanischer Sound Systems, Selectors und der Toasting-Kultur
- Ende der 1960er — Francis Grasso entwickelt Beatmatching und kontinuierliches Club-Mixing in New York weiter
- 1970 — Technics SP-10, der erste serienmäßig produzierte Plattenspieler mit Direktantrieb
- 1972 — Veröffentlichung des ersten Technics SL-1200
- 1973 — DJ Kool Hercs Party in der Bronx, eines der Schlüsseldaten in der Geschichte des Hip-Hop
- Mitte der 1970er — Entwicklung des Scratching und neuer Techniken im Umgang mit Schallplatten
- Ende der 1970er — Technics SL-1200MK2 wird zu einem der wichtigsten Werkzeuge der Club- und Hip-Hop-Kultur
- 1994 — Pioneer CDJ-500 eröffnet ein neues Kapitel des professionellen digitalen DJing
- Anfang der 2000er — Verbreitung neuer CDJ-Generationen, MP3 und DVS
- 2010er — Controller, USB-Bibliotheken und autonome DJ-Systeme werden zu weit verbreiteten professionellen Werkzeugen
Was ein DJ heute ist
Ein moderner DJ kann im Radio, im Club, auf einem Festival, in einer Bar, in einem Konzertprojekt, bei einem Internetstream oder im eigenen Studio arbeiten. Ausrüstung und Auftrittsformat können sich grundlegend unterscheiden, doch das Fundament des Berufs bleibt klar erkennbar.
Musik-Selector.
Die Auswahl des Materials gehört weiterhin zu den wichtigsten professionellen Fähigkeiten. Eine riesige digitale Bibliothek macht ein Set nicht automatisch gut: Entscheidend sind Geschmack, Kontext und Verständnis für das Publikum.
Performer.
Beatmatching, Arbeit mit Equalizern, Effekten, Loops, Cue-Punkten, Samples, mehreren Decks und Live-Elementen ermöglichen es, eine eigene Art des Auftretens zu entwickeln. Bei manchen DJs bleibt die Technik nahezu unsichtbar, bei anderen wird sie Teil der Show.
Kurator der Tanzfläche oder Sendung.
Der DJ steuert Reihenfolge und Dynamik der Musik. Ein gutes Set hängt weniger von der Zahl technischer Tricks ab als davon, zu verstehen, welcher Track das Publikum genau in diesem Moment braucht.
Produzent.
In der elektronischen Szene überschneiden sich die Berufe DJ und Musikproduzent häufig. Viele tourende Künstler spielen eigene Stücke, Remixe und spezielle Versionen, doch Musikproduktion ist keine Voraussetzung dafür, als DJ zu gelten.
Medienpersönlichkeit und Schöpfer eines eigenen Formats.
Radio, soziale Netzwerke, Videostreams, Podcasts und Musikplattformen ermöglichen DJs den Kontakt mit einem Publikum weit über einen einzelnen Club hinaus.
Technikspezialist.
Ein modernes DJ-System kann Player, Mixer, Controller, Computer, Netzwerkbibliotheken, externe Effekte und Elemente eines Live-Sets umfassen. Automatische Temposynchronisation und andere Softwarefunktionen machen es jedoch nicht überflüssig, musikalische Strukturen, Signalpegel und die Logik des Mixens zu verstehen.
Was im Beruf unverändert geblieben ist
Im Laufe eines Jahrhunderts hat sich nahezu alles verändert: Schellackplatten machten Vinyl Platz, Vinyl teilte sich den Raum mit CDs, anschließend kamen MP3, DVS, USB-Medien, Controller und eigenständige digitale Systeme hinzu. Der Plattenspieler verwandelte sich vom reinen Wiedergabegerät in ein Musikinstrument, und die Musiksammlung aus mehreren Plattenkisten wurde zu einer Bibliothek mit Tausenden Dateien.
Doch die grundlegende Idee blieb bestehen. Ein DJ wählt Musik aus, ordnet sie in der Zeit und schafft eine Verbindung zwischen Aufnahme und Publikum. Genau diese Funktion verbindet Christopher Stone am BBC-Mikrofon, den jamaikanischen Selector am Sound System, Francis Grasso in einem New Yorker Club, DJ Kool Herc auf einer Party in der Bronx und einen modernen Künstler hinter einem digitalen DJ-Setup.
Quellen und Literatur
- Bill Brewster, Frank Broughton — Last Night a DJ Saved My Life: The History of the Disc Jockey
- Bill Brewster, Frank Broughton — How to DJ Right: The Art and Science of Playing Records
- David Toop — Rap Attack
- Tim Lawrence — Love Saves the Day: A History of American Dance Music Culture, 1970–1979
- Smithsonian National Museum of American History und Smithsonian Music — Archivmaterialien zur Geschichte des Hip-Hop und zu DJ-Techniken
- IEEE Communications Society und Forschungen zur Geschichte des frühen Rundfunks — Materialien über Reginald Fessenden
- Technics — Archiv zur Geschichte des SP-10, SL-1100 und SL-1200
- Pioneer DJ / AlphaTheta — Archiv zur Geschichte des CDJ und digitaler DJ-Technik
Autor des Artikels: Victor PROG
