
Larisa Alexandrowna Dolina (geborene Kudelman) ist eine sowjetische und russische Pop- und Jazzsängerin, Schauspielerin und Gesangspädagogin, Volkskünstlerin der Russischen Föderation. Sie zählt zu den wenigen russischen Vokalistinnen, denen es gelang, akademische Gesangsschule, jazztypische Intonation, theatrale Dramaturgie und massentaugliche Popmusik zu einem geschlossenen, eigenständigen Stil zu vereinen.
Kindheit und die „Odessa-Schule des Überlebens“
Larisa Dolina wurde am 10. September 1955 in Baku (Aserbaidschanische SSR) in einer jüdischen Familie geboren.
- Vater — Alexander Markusowitsch Kudelman, Bauingenieur;
- Mutter — Galina Israilewna Dolina, Schreibkraft.
Im Alter von drei Jahren zog die Familie nach Odessa — eine Stadt, die für die zukünftige Künstlerin nicht nur ein Ort des Aufwachsens, sondern eine echte Schule des szenischen Überlebens wurde. Das musikalische Umfeld Odessas mit seiner Restaurantkultur, dem lebendigen Jazz und einem anspruchsvollen Publikum formte Dolinas wichtigste Fähigkeit: die Aufmerksamkeit des Saals unter allen Umständen zu halten.
In ihrer Jugend arbeitete sie als Sängerin in Restaurants von Odessa — eine harte Praxis, in der falsche Töne, schwache Atemtechnik oder fehlende Ausstrahlung nicht verziehen wurden. Genau dort entstanden die Grundlagen ihrer späteren vokalen Meisterschaft und ihrer Bühnensicherheit.
Musikalische Ausbildung und früher professioneller Start
Bereits mit sechs Jahren begann Dolina Klavier zu spielen und zeigte früh absolutes Gehör sowie ein ausgeprägtes Rhythmusgefühl. Schon im Teenageralter verlagerte sich ihr Interesse zum Jazz — einem Genre, das nicht nur Stimme, sondern auch musikalisches Denken erfordert.
1971 begann ihre professionelle Laufbahn: Larisa wurde Solistin des Estradenorchesters „Wir sind Odessiten“ und arbeitete anschließend mit führenden Ensembles der UdSSR:
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Staatliches Estradenorchester Armeniens (Konstantin Orbelyan)
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Staatliches Estradenensemble Aserbaidschans (Polad Bülbüloğlu)
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Orchester „Sowremennik“ unter der Leitung von Anatoli Kroll
Die Zusammenarbeit mit Kroll festigte ihren Ruf als Jazzvokalistin auf höchstem Niveau, die Scat, komplexe synkopierte Rhythmen und Improvisation souverän beherrscht.
Das Jazz-Phänomen: Technik und internationale Anerkennung
Larisa Dolina gehört zu den wenigen russischen Sängerinnen mit einem angegebenen Stimmumfang von bis zu fünf Oktaven. Charakteristisch für sie sind:
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äußerst präzise jazztypische Intonation
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freier Umgang mit Scat-Gesang
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starke Atemstütze
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kontrollierte Registerführung ohne „Brüche“
Besonders wichtig ist, dass ihr Jazzkönnen auch von westlichen Musikern anerkannt wurde. In verschiedenen Jahren arbeitete sie mit George Duke und anderen Vertretern der internationalen Jazzszene zusammen — eine Seltenheit für Künstlerinnen aus der UdSSR und dem postsowjetischen Raum.
Die Gnessin-Akademie und die „Legalisierung“ des Talents
1984 absolvierte Larisa Dolina das Moskauer Gnessin-Musikcollege mit dem Schwerpunkt „Estradengesang“.
Ein entscheidender Punkt: Zum Zeitpunkt ihres Abschlusses war sie bereits eine bekannte Künstlerin. Das Diplom markierte nicht den Beginn ihrer Karriere, sondern deren institutionelle Bestätigung — eine Art „Legalisierung“ des Talents innerhalb des sowjetischen Systems, in dem formale Ausbildung von zentraler Bedeutung war.
Solokarriere und Erfolg im Popbereich
Ab 1985 begann Dolina eine aktive Solokarriere in Zusammenarbeit mit dem Komponisten Viktor Resnikow. In dieser Phase formte sich ihr Bühnenbild — das einer starken, dramatischen Frau mit betonter vokaler Kraft.
Zentrale Konzertprogramme:
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„Der lange Sprung“
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„Kontraste“
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„Eissplitter“
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„Die kleine Frau“
Jedes dieser Programme war als theatralisches musikalisches Statement konzipiert und nicht als bloße Abfolge von Liedern.
Theater, Musicals und Film
1990 spielte Dolina die Hauptrolle in der Rockoper „Giordano“ gemeinsam mit Valeriy Leontjew.
Ein eigenes Kapitel ist das Musiktheater:
Sie verkörperte Mama Morton im Musical „Chicago“, wo ihre vokal-dramatische Darbietung von Kritikern hoch bewertet wurde.
Filmarbeiten:
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„Wir kommen aus dem Jazz“
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„Die Insel der gestrandeten Schiffe“
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„Die Zauberer“
Darüber hinaus erklingen ihre Gesangspartien in mehr als 70 Filmen und Animationsfilmen, darunter der Zeichentrickfilm „Der sehr blaue Bart“, in dem ihre Stimme als Referenzbeispiel für dramatischen Gesang in der Animation gilt.
Titel und internationale Auftritte
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1991 — Festival Radio Prestige (Frankreich), Publikum ca. 20.000 Personen
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1993 — Verdiente Künstlerin der Russischen Föderation
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1998 — Volkskünstlerin der Russischen Föderation
Privatleben
Larisa Dolina war dreimal verheiratet:
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Anatoli Miontschinski — Tochter Angelina
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Viktor Mityazow
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Ilja Spizin
2011 wurde ihre Enkelin Alexandra geboren.
Diskografie von Larisa Dolina
Studioalben
1980er — frühe Phase, Vinyl, Minions
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1983 — „Zwei Träume“
Lieder von Juri Saulski. Erste offizielle Veröffentlichung, Minion. Aufnahmen von 1982. -
1986 — Musik zum Film „Tanzfläche“
Soundtrack mit Gesangsparts von Larisa Dolina. -
1986 — „Neptuns Lied“
Lieder aus dem Film „Tanzfläche“, Minion. -
1986 — „Der lange Sprung“
Eines der wichtigsten frühen Alben. Ein Teil der Songs wurde früher aufgenommen und in neuen Arrangements neu veröffentlicht. -
1988 — „Kartenhaus“
Lieder von Viktor Resnikow. Formierung des Pop-Images von Dolina. -
1989 — „Ein neuer Tag“
Erstes vollwertiges Album, das außerhalb der UdSSR erschien (Label Balkanton).
1990er — Höhepunkt der Popularität und Popklassik
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1990 — „Der gelbe Teufel“
Lieder von Igor Korneljuks, Minion. -
1993 — „Eissplitter“
Eines der bekanntesten Alben, das ihren Starstatus festigte. -
1993 — „Vergib mir“
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1994 — „Gewöhn dich an Larisa Dolina“
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1995 — „Dolina im Tal der Leidenschaften“
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1996 — „Leb wohl… es gibt kein ‚Auf Wiedersehen‘“
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1997 — „Das Wetter im Haus“
Das kommerziell erfolgreichste Album der 1990er. Der Titelsong wurde zur Visitenkarte der Künstlerin. -
1998 — „Glückliches Los“
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1999 — „Die Sängerin und der Musiker“
2000er — Reife, Experimente, Jazz
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2000 — „Epigraph“
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2000 — „Neu leben“
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2002 — „Carnival of Jazz“
Jazzprojekt, das Dolinas Status als Jazzdiva festigte. -
2003 — „Inseln der Liebe“
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2004 — „Tauwetter“
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2006 — „Verbrannte Seele“
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2008 — „Hollywood Mood“
Englischsprachiges Jazzalbum. -
2009 — „Carnival of Jazz-2: No Comments“
Fortsetzung der Jazz-Reihe.
2010er — 2020er
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2010 — „Route 55“
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2012 — „LARISA“
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2015 — „Lasst uns die Masken abnehmen, meine Damen und Herren“
Einige Quellen zählen frühe Minions und Soundtracks separat, weshalb die Anzahl der „Studioalben“ in verschiedenen Übersichten variieren kann. Hier wird eine redaktionell geprüfte Liste der wichtigsten Veröffentlichungen präsentiert.
Soundtracks und Filmalben (Auswahl)
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„Tanzfläche“ (1986)
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„Die Zauberer“ (1982) — Gesangsparts
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„Wir kommen aus dem Jazz“ (1983)
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„Die Insel der gestrandeten Schiffe“ (1987)
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„Der Mann vom Boulevard der Kapuziner“ (1987)
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„Der sehr blaue Bart“ (1979, Zeichentrickfilm) — exemplarische Gesangsleistung
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„Die Bremer Stadtmusikanten & Co“ (2000)
Kompilationen
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„The Best“ (offizielle Best-of-Sammlung)
Videografie (Clips, zentrale Videoarbeiten)
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„Restaurant“ (1996)
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„Engel“ (1996)
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„Auf Wiedersehen“ (1996)
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„Das Wetter im Haus“ (1997)
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„Die Wand“ (1999)
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„Drei Rosen“ (1999)
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„Nicht verstanden“ (2004)
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„Blumen unter dem Schnee“ (2006)
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„Auf der Gegenfahrbahn“ (2020)
Öffentliche Position und die 2020er Jahre
2003 trat Dolina der Partei „Einiges Russland“ bei.
2022 unterstützte sie öffentlich die russische Invasion in der Ukraine, woraufhin sie 2023 von der Ukraine auf Sanktionslisten gesetzt wurde.
2025 wurde für Larisa Dolina zu einem der schwierigsten Jahre der letzten Jahrzehnte. Neben einer allgemeinen Krise ihres öffentlichen Images sorgte insbesondere die Situation rund um die Wohnung in Chamowniki für großes Aufsehen, die mit einer gerichtlichen Entscheidung über die Zwangsräumung endete.
Diese Episode wurde zum symbolischen Abschluss einer komplexen Lebensphase — einer Zeit, in der persönliche, rechtliche und reputationsbezogene Fragen erstmals seit Langem die künstlerische Agenda überlagerten.
Gegenwärtige Situation
Trotz ihres Alters, der Kritik und politischer Kontroversen tritt Larisa Dolina weiterhin auf, beteiligt sich an Musikprojekten und unterrichtet Gesang. Für die einen bleibt sie eine Ikone vokaler Meisterschaft, für andere eine umstrittene Figur ihrer Epoche — doch ihr Beitrag zur Entwicklung von Jazz und Popgesang ist unbestreitbar.
Redaktionelles Fazit
Larisa Dolina ist nicht nur eine populäre Sängerin, sondern ein einzigartiges vokales Phänomen, das den Weg von den Restaurants Odessas bis zu internationalen Jazzbühnen gegangen ist. Ihre Geschichte ist eine Chronik von Talent, Disziplin und Widersprüchen — ohne die die Musikkultur der späten Sowjetunion und des postsowjetischen Russlands kaum vorstellbar wäre.