Азиза

«Ljapis Trubezkoi» ist eine belarussische Rockband um Sergej Michalok, die Ende der 1980er- und Anfang der 1990er-Jahre in Minsk entstand. Im Laufe ihrer Geschichte veränderte die Gruppe ihren Sound mehrfach grundlegend: vom ironischen Pop-Rock, urban geprägten Liedern und Ska bis zu Punk-Rock, Alternative Rock und härterem Material mit sozialer und politischer Satire. Zu den bekanntesten Songs der Band gehören «Ау», «Ты кинула», «В платье белом», «Евпатория», «Яблони», «Сочи», «Капитал», «Харэ», «Манифест», «Я верю», «Грай», «Рабкор» und «Воины света».
Die zentrale Figur von «Ljapis Trubezkoi» blieb während der gesamten Geschichte Sänger und Hauptautor Sergej Michalok. Ein weiteres langjähriges Mitglied war Gitarrist Ruslan Wladyko, der von der Gründung bis zur Auflösung im Jahr 2014 in der Band spielte. Nach einer achtjährigen Pause belebte Michalok «Ljapis Trubezkoi» 2022 mit einer neuen Besetzung wieder. Das Projekt nahm seine Konzerttätigkeit erneut auf und ist auch 2026 weiterhin live aktiv.
Gründung der Band
Die Geschichte von «Ljapis Trubezkoi» begann in Minsk. Laut der archivierten Bandbiografie entschied sich Sergej Michalok im Februar 1990, eine eigene Gruppe zu gründen. Zur ersten Besetzung gehörten Bassist Dmitri Swiridowitsch, Schlagzeuger Alexej Ljubawin, Gitarrist Ruslan Wladyko und weitere Musiker. In einigen Nachschlagewerken wird 1989 als Gründungsjahr genannt, doch die konkrete Bildung der ersten Besetzung und der Beginn regelmäßiger Proben fallen in den Anfang des Jahres 1990.
Der Name wurde dem Roman «Die zwölf Stühle» von Ilja Ilf und Jewgeni Petrow entlehnt. Nikifor Ljapis-Trubezkoi ist eine Nebenfigur des Buches, ein erfolgloser Dichter, der im Wesentlichen denselben Text an verschiedene Redaktionen verkauft und dabei lediglich einzelne Details verändert.
In den ersten Jahren existierte die Gruppe nur unregelmäßig: Es gab wenige Konzerte, die Besetzung wechselte und Proben fanden nur sporadisch statt. Schon damals schrieb Sergej Michalok frühe Versionen von «Кинула», «Ау», «Буфетчица Ася» sowie Material, das später zu «Золотые яйцы» wurde. Eine aktive Konzertphase begann ungefähr 1994.
Erste Aufnahmen und «Ранетое сердце»
Ende 1994 und Anfang 1995 absolvierte «Ljapis Trubezkoi» eine der ersten Studiosessions. Damals wurden unter anderem «Ау» und «Эстрадная» aufgenommen.
1995 erschien in kleiner Auflage die Live-Kassette «Любови капец! Live '95», aufgenommen bei einem Auftritt im Minsker Alternativtheater. Das eigentliche Studio-Debüt war das Album «Ранетое сердце», das im Sommer 1996 veröffentlicht wurde. In Belarus erlangte die Aufnahme spürbare Popularität; im selben Jahr trat die Gruppe erfolgreich bei der belarussischen «Rock Coronation» auf.
In dieser Phase verband der Sound von «Ljapis Trubezkoi» Rock, Unterhaltungsmusik, Ska, Folk und bewusst überzeichnete Hinterhofromantik. Sergej Michalok baute seine Texte um groteske Liebesgeschichten und Alltagstypen, während das Bühnenbild der Band stark von Selbstironie geprägt war.
«Ты кинула» und der Erfolg Ende der 1990er-Jahre
Der eigentliche Durchbruch über Belarus hinaus gelang mit dem Album «Ты кинула». Es wurde im Januar 1998 vom Unternehmen «Sojus» veröffentlicht und nicht 1997, wie in kurzen Biografien häufig angegeben wird. Für die Platte wurden viele Songs aus der frühen Phase neu eingespielt.
Zu den größten Hits wurden «Ау», «Ты кинула», «В платье белом» und «Евпатория». Die Videos liefen häufig auf russischen Musikfernsehsendern, die Band spielte größere Konzerte und tourte durch Länder der ehemaligen Sowjetunion.
1999 erschien das Album «Красота». Der bekannteste Song daraus wurde «Яблони». Es folgten «Тяжкий» (2000) und «Юность» (2001). Zu diesem Zeitpunkt war «Ljapis Trubezkoi» längst nicht mehr vom Erfolg eines einzelnen Albums abhängig: Die Band hatte sich ein eigenes Publikum und ein umfangreiches Konzertprogramm aufgebaut.
«Тяжкий», «Юность» und die Suche nach einem neuen Sound
An der Wende von den 1990er- zu den 2000er-Jahren entfernte sich die Gruppe allmählich von der Formel von «Ау» und «Ты кинула». Das Album «Тяжкий» klang rauer als die frühen Aufnahmen, während «Юность» die Genreexperimente mit Rock, Pop-Punk und Ska fortsetzte.
In dieser Zeit entstanden Songs wie «Спорт прошёл», «Дружбан», «Сочи», «Голуби», «Юность» und weitere Stücke, die sich in Stimmung und Arrangement deutlich von der frühen Diskografie unterschieden.
2004 erschien «Золотые яйцы». Die satirische Grundlage blieb erhalten, musikalisch wurde die Band jedoch zunehmend härter. In der zweiten Hälfte der 2000er-Jahre führten diese Veränderungen praktisch zu einer neuen Version von «Ljapis Trubezkoi».
«Капитал» — das Wendepunkt-Album
Der entscheidende stilistische Wandel kam nicht 2010, sondern bereits früher mit dem Album «Капитал», das im Frühjahr 2007 erschien.
Punk-Rock, Ska-Punk, schwere Gitarrenriffs und politische Satire rückten in den Vordergrund. Zu dieser Phase gehören «Капитал», «Харэ», «Андрюша», «Гойко Митич», «Золотая антилопа» und «Товарищ». «Капитал» gilt allgemein als Beginn der offen gesellschaftskritischen Phase der Band.
Besonders bekannt wurde das animierte Video zum Titelsong unter der Regie von Alexej Terechow. Sergej Michalok wurde darin als vielarmige Gottheit mit einem Sparschwein anstelle des Herzens dargestellt. Das Video erhielt mehrere professionelle Auszeichnungen, darunter den RAMP-Preis in der Kategorie «Video des Jahres».
Der Erfolg von «Капитал» startete die Karriere der Gruppe praktisch neu. Die Musik wurde schneller und aggressiver, ein großer Teil der früheren Unterhaltungsmusik-Manier verschwand, und Sergej Michalok veränderte auch sein Bühnenbild deutlich.
Manifest und «Культпросвет»
Die nächste Phase begann mit dem Album Manifest, das am 25. September 2008 erschien. Darauf finden sich «Манифест», «Рок-пупсы», «Галактика», «Жлоб», «12 обезьян», «Belarus Freedom», «Зорачкі» und weitere Songs. Es war eines der ersten Alben der Band, das offiziell zur freien Verbreitung ins Internet gestellt wurde.
2009 folgte «Культпросвет» — ein noch härteres Werk mit «Буревестник», «Анархо-турист», «Пульс эпохи», «Нигилист», «Свежий ветер» und weiteren Kompositionen.
«Капитал», Manifest und «Культпросвет» werden häufig als informelle Trilogie «Agitpop» betrachtet. Wichtig ist dabei, dass die 2010 in Deutschland veröffentlichte Platte Agitpop kein eigenständiges reguläres Studioalbum der Band ist, sondern eine Zusammenstellung von Material aus diesen drei Alben, die in erster Linie für den europäischen Markt gedacht war.
«Весёлые картинки»: «Я верю» und «Грай»
Im März 2011 erschien das Album «Весёлые картинки». Die Songs «Я верю» und «Грай» gehören zu diesem Album und werden fälschlicherweise manchmal Agitpop zugeschrieben. Außerdem enthält die Platte «Зевс», «Африка», «Нафта», «Принцесса», «Шут», «Зоопарк», «Космонавты» und «Священный огонь».
«Грай» wurde auf Belarussisch aufgenommen und entwickelte sich zu einem der bekanntesten späteren Songs der Band. Auf «Весёлые картинки» stand die politische Energie der vorherigen Werke neben persönlicheren und emotionaleren Texten.
Im selben Jahr 2011 wurden mehrere Konzerte von «Ljapis Trubezkoi» in Belarus abgesagt. Medien brachten dies mit einer inoffiziellen «schwarzen Liste» von Musikern und Kulturschaffenden nach den Ereignissen im Anschluss an die Präsidentschaftswahl 2010 in Verbindung. Die belarussischen Behörden bestritten offiziell die Existenz solcher Listen.
«Рабкор»
Am 1. Mai 2012 wurde das Album «Рабкор» vorgestellt. Während «Весёлые картинки» noch Raum für lyrische Abweichungen ließ, setzte die Band hier wieder auf direkten Punk-Rock-Druck und refrains, die beinahe wie Parolen aufgebaut waren.
Das Album enthält «Не быть скотом», «Путинарода», «Lyapis Crew», «Рабкор», «Цмок ды арол» und weitere Songs. Die Musikpresse hob damals besonders die harte Rhythmussektion und die fast kundgebungsartige Form vieler Stücke hervor.
«Матрёшка» und «Воины света»
Das letzte Studioalbum der klassischen Bandphase war «Матрёшка», veröffentlicht am 1. März 2014. Es enthält «Матрёшка», «Танцуй», «Танк», «Телевизор», «Молох», «Котлован», «Государство», «Клоуна нет» und «Воины света».
«Воины света» erlangte während des Euromaidan besondere Bekanntheit in der Ukraine und wurde häufig in Videos zu den Protesten von 2013–2014 verwendet. Der Song wurde zu einem der inoffiziellen musikalischen Symbole des Maidan.
Diese Bedeutung entstand allerdings erst nach der Entstehung des Liedes: «Воины света» wurde nicht speziell für die Ereignisse in der Ukraine geschrieben, doch der Text erwies sich als passend zur damaligen Situation und erhielt dadurch eine neue gesellschaftliche Bedeutung.
Auflösung von «Ljapis Trubezkoi»
Am 17. März 2014 kündigte Sergej Michalok an, dass die Band ihre Existenz beenden werde. Die letzte Konzertreihe trug den Namen Happy End Tour, und am 31. August 2014 endete die Geschichte der damaligen Besetzung offiziell.
Zum Zeitpunkt der Auflösung bestand die Gruppe aus:
- Sergej Michalok — Gesang, Gitarre, Akkordeon, Percussion;
- Ruslan Wladyko — Gitarre, Keyboards, Akkordeon, Backgroundgesang;
- Pawel Bulatnikow — Gesang, Percussion;
- Denis Sturtschenko — Bassgitarre;
- Iwan Galuschko — Posaune, Backgroundgesang;
- Wladislaw Senkewitsch — Trompete, Backgroundgesang;
- Denis Schurow — Schlagzeug.
In einigen früheren Versionen der Besetzungsangaben wurde Iwan Galuschko fälschlich als Bassist genannt: Er spielte Posaune, während Denis Sturtschenko Bassist der Band war.
BRUTTO, Trubetskoy und «Ляпис-98»
Nach der Auflösung gingen die Mitglieder unterschiedliche Wege.
Sergej Michalok gründete fast unmittelbar danach die Band BRUTTO. Pawel Bulatnikow, Ruslan Wladyko und der frühere «Ljapis»-Schlagzeuger Alexander Storoschuk starteten das Projekt Trubetskoy.
2016 gründete Michalok eine weitere Formation — «Ляпис-98». Ihr Repertoire konzentrierte sich hauptsächlich auf die frühen Hits von «Ljapis Trubezkoi» aus den 1990er- und frühen 2000er-Jahren.
Ruslan Wladyko starb im Januar 2020. Er war einer der wenigen Musiker, die beinahe die gesamte erste Geschichte der Band gemeinsam mit Sergej Michalok durchlaufen hatten — von der frühen Besetzung bis 2014.
Rückkehr der Band im Jahr 2022
Im März 2022 kündigte Sergej Michalok die Wiederbelebung des Namens «Ljapis Trubezkoi» an. Die Entscheidung fiel nach Beginn der groß angelegten russischen Invasion in die Ukraine. Die ersten Konzerte der wiederbelebten Gruppe wurden als europäische Benefiztour zugunsten der Ukraine angekündigt.
Zur ursprünglichen Besetzung dieser neuen Version gehörten Sergej Michalok, Schlagzeuger Alexander Storoschuk, Bassist Ales-Franzischek Myschkewitsch, Gitarrist Pawel Welitschko und Saxofonist Andrej Barilo. Es handelte sich nicht um eine Wiedervereinigung der Besetzung von 2014: Pawel Bulatnikow setzte seine eigene Arbeit fort, und Ruslan Wladyko war zu diesem Zeitpunkt bereits verstorben.
Die Band veröffentlichte eine ukrainische Version von «Воїни світла»; später erschienen auch ukrainischsprachige Versionen von «Евпатория» und weiteren Songs. «Ljapis Trubezkoi» tourte durch Europa, die USA und Kanada. Die offizielle Website veröffentlicht weiterhin Konzert- und Release-Nachrichten des Projekts; Auftritte fanden auch 2025–2026 statt.
Musikstil
Die Geschichte von «Ljapis Trubezkoi» lässt sich sinnvoll in mehrere deutlich voneinander abweichende Phasen unterteilen.
In den 1990er-Jahren bildeten Pop-Rock, Ska, urbaner Folk und stilisierte Unterhaltungsmusik die Grundlage. Michalok setzte bewusst einfache Reime, karikierte Figuren und Alltagsszenen ein. «Ау», «Ты кинула» oder «В платье белом» sind völlig anders aufgebaut als die späteren «Капитал» und «Рабкор».
In der ersten Hälfte der 2000er-Jahre suchte die Band nach einem härteren Sound. Die Gitarren wurden dichter, die Bläsersektion gewann an Bedeutung, und die Musik verschob sich allmählich in Richtung Ska-Punk.
Mit «Капитал» begann der stärkste Umbruch. Die Ironie verschwand nicht, doch Ziel der Satire waren nun weniger Beziehungen und Alltagstypen als vielmehr Macht, Konsumismus, Massenkultur, Propaganda und gesellschaftliche Passivität. Der Sound wurde deutlich schneller und aggressiver.
Auf Manifest, «Культпросвет» und besonders «Рабкор» näherte sich die Gruppe Punk-Rock und Agit-Punk an. Gleichzeitig blieb die Bläsersektion erhalten und wurde zu einem der markantesten Merkmale der Arrangements.
Belarussische Sprache im Werk
Obwohl der größte Teil des Repertoires von «Ljapis Trubezkoi» auf Russisch geschrieben wurde, nehmen belarussischsprachige Songs in der späteren Diskografie einen wichtigen Platz ein. Dazu gehören «Рамонкі», «Зорачкі», «Ружовыя акуляры», «Грай» und «Цмок ды арол».
Der Wechsel zwischen Russisch und Belarussisch war für die Band kein einmaliges Experiment: Belarussischsprachige Songs erschienen regelmäßig auf regulären Alben und in Konzertprogrammen.
Hauptdiskografie von «Ljapis Trubezkoi»
- «Ранетое сердце» — 1996
- «Ты кинула» — 1998
- «Красота» — 1999
- «Тяжкий» — 2000
- «Юность» — 2001
- «Золотые яйцы» — 2004
- «Капитал» — 2007
- Manifest — 2008
- «Культпросвет» — 2009
- «Весёлые картинки» — 2011
- «Рабкор» — 2012
- «Матрёшка» — 2014
Neben den regulären Alben umfasst die Diskografie frühe Live-Aufnahmen, Archivsammlungen, Maxi-Singles und Kompilationen. Insbesondere enthält Agitpop aus dem Jahr 2010 Material aus der Phase von «Капитал», Manifest und «Культпросвет» und ist kein eigenständiges Studioalbum.
Auszeichnungen und bemerkenswerte Erfolge
«Ljapis Trubezkoi» erhielt mehrfach belarussische und russische Musikpreise. Besonders erfolgreich war die Phase Ende der 2000er-Jahre. Das Video zu «Капитал» erhielt den RAMP-Preis als «Video des Jahres» und weitere Auszeichnungen. Bei der «Rock Coronation» 2009 gewann die Band drei Preise: «Band des Jahres», «Album des Jahres» für Manifest und «Song des Jahres» für «Зорачкі».
Die Bedeutung der Gruppe lässt sich jedoch nur schwer allein anhand der Zahl ihrer Auszeichnungen beurteilen. Die beiden großen Phasen ihrer Geschichte stehen nahezu im Gegensatz zueinander: massenkompatibler, ironischer Pop-Rock der 1990er-Jahre auf der einen Seite und politisierter Ska-Punk der späten 2000er- und frühen 2010er-Jahre auf der anderen. «Ljapis Trubezkoi» gelang es, die eigene musikalische Sprache vollständig zu verändern, dabei einen großen Teil des bisherigen Publikums zu behalten und zugleich ein neues zu gewinnen.
Nach der Auflösung im Jahr 2014 lebten die Songs der Band unabhängig von der früheren Besetzung weiter. «Воины света» entwickelte in der Ukraine eine eigene Geschichte, frühe Stücke wie «Ау», «Ты кинула» und «В платье белом» blieben Teil des Konzertrepertoires von Sergej Michalok, und die Rückkehr des Namens «Ljapis Trubezkoi» im Jahr 2022 eröffnete praktisch ein weiteres Kapitel in der Geschichte des Projekts.




