Anyma

Jamie Jones (geb. 28. Oktober 1980 in Bontnewydd bei Caernarfon, Wales) ist ein walisischer DJ, Musikproduzent und einer der einflussreichsten Vertreter der britischen House-Szene seiner Generation. Er ist Mitbegründer des Labels Hot Creations, Schöpfer der internationalen Partyreihe Paradise, leitet das Imprint Hottrax und gehört zum Projekt Hot Natured. In Jones’ Musik treffen House, Deep House, Tech House, Disco und das Erbe der Minimal-Szene der 2000er-Jahre aufeinander.
Kindheit in Nordwales und die ersten Partys
Jamie Jones wurde in Caernarfon im Nordwesten von Wales geboren und erhielt seine Schulbildung auf Walisisch. Seine Kindheit verbrachte der spätere Musiker weit entfernt von den großen Clubzentren Großbritanniens, doch bereits als Jugendlicher interessierte er sich intensiv für die Rave-Kultur. Zu der Musik, die ihn in dieser Zeit umgab, gehörten britischer Rave, Happy Hardcore, Speed Garage sowie elektronische Aufnahmen, die er auf Kassetten und in Plattenläden im nahegelegenen Bangor entdeckte.
Im Alter von etwa 14 Jahren begann Jones, eigene Partys in einem örtlichen Rugby-Club zu veranstalten. Seine Mutter kaufte ihm seine ersten Plattenspieler, und die Grundlagen des Mixens lernte er nach eigenen Erinnerungen unter anderem über eine Radio-Lektion von Carl Cox in einer Sendung von Pete Tong. Aus diesen frühen Experimenten entwickelte sich allmählich ein ernsthaftes Interesse an der DJ-Kultur.
1998 zog Jones nach London und schrieb sich am London College of Music ein. Die Hauptstadt verschaffte ihm Zugang zu einer deutlich breiteren Musikszene: kleinen Clubs, After-Hours-Partys, illegalen Warehouse-Veranstaltungen und der damals entstehenden Underground-House-Szene im Osten Londons.
Ibiza, London und die ersten professionellen Schritte
Jones’ Verbindung zu Ibiza entstand bereits Ende der 1990er-Jahre. Nach seiner Ausbildung verbrachte er regelmäßig die Sommersaisons auf der Insel und lernte dort zahlreiche Menschen kennen, die später eine wichtige Rolle in seiner Karriere spielen sollten. Während seiner ersten Saison auf Ibiza traf er Lee Foss, mit dem er später Hot Creations gründen würde.
Gleichzeitig baute Jones seine Karriere in London weiter aus. Er spielte in kleineren Locations und auf Partys im Osten Londons, darunter DJs Can Dance, und bewegte sich in der Clubszene rund um Shoreditch sowie in After-Hours-Projekten wie Kubicle. Diese Umgebung prägte seine Vorstellung eines DJ-Sets als längere musikalische Clubgeschichte und nicht lediglich als Abfolge populärer Tracks.
2003 half ihm der Mix Sleazy Soul dabei, einen bemerkenswerten Auftritt bei der Silvesterparty des Key Club in London zu erhalten. Jones erinnerte sich später an diesen Moment als einen der ersten, in denen er das Gefühl hatte, zunehmend als professioneller DJ wahrgenommen zu werden.
Erste Releases: von Minimal zum eigenen Sound
Jones’ Karriere als Produzent begann sich Mitte der 2000er-Jahre zu entwickeln. Eine seiner ersten auffälligen Produktionen war Amazon, die er an das französische Label Freak n’ Chic schickte. Die minimalistische Struktur, die schwere Bassline und der Club-Groove entsprachen der Ästhetik der damaligen europäischen Minimal-Szene.
2006 folgte Panic auf Crosstown Rebels, dem Label von Damian Lazarus, mit dem Jones eine langjährige professionelle Beziehung entwickelte. In den folgenden Jahren veröffentlichte er Musik auf Crosstown Rebels, Freak n’ Chic, Cocoon, Get Physical und weiteren Labels und entfernte sich dabei schrittweise von einer strengeren minimalistischen Ästhetik hin zu einem wärmeren, bassbetonten House-Sound.
Zu den wichtigsten frühen Tracks gehörte Summertime mit Ost & Kjex. Die Komposition erschien auf Jones’ Debütalbum und wurde zu einer der bekanntesten Aufnahmen aus der ersten Phase seiner Karriere.
Don't You Remember The Future
Im August 2009 veröffentlichte Crosstown Rebels Jamie Jones’ Debütalbum Don't You Remember The Future. Darauf befinden sich unter anderem Summertime, Galactic Space Bar, Mars, Deep in the Ghetto, Absolute Zero und weitere Tracks.
Das Album zeigt sehr deutlich eine Übergangsphase in Jones’ musikalischer Entwicklung. Minimal und Techno verbinden sich hier mit House, Disco, Electro und einer stärker ausgeprägten Melodik. Jones selbst entwickelte die Platte rund um ein Science-Fiction-Konzept einer Zukunft, in der Musik als Mittel der Kontrolle eingesetzt wird, während unabhängige Künstler im Untergrund eine alternative Kultur erschaffen.
Für seine spätere Karriere war vor allem entscheidend, dass sich Jones zunehmend vom typischen Minimal-Sound der zweiten Hälfte der 2000er-Jahre entfernte. Seine Musik wurde funkiger, vokaler und stärker auf Groove ausgerichtet — eine Richtung, die sich kurz darauf innerhalb von Hot Creations vollständig entfalten sollte.
Hungry for the Power und Platz 1 bei Resident Advisor
2011 sorgte Jones’ Remix von Hungry for the Power der kanadischen Gruppe Azari & III für große Aufmerksamkeit. Die langsame, schwere Bassline und der sinnlichere House-Groove wurden zu einem charakteristischen Beispiel für jene Ästhetik, mit der Jones zu Beginn der 2010er-Jahre verbunden wurde.
Im selben Jahr wählten die Leser von Resident Advisor Jamie Jones auf Platz 1 des jährlichen Top-DJs-Rankings. Anders als stärker kommerziell ausgerichtete internationale DJ-Umfragen war das RA-Ranking zu dieser Zeit eng mit der Club- und Underground-Szene der elektronischen Musik verbunden, weshalb der Sieg Jones’ internationalen Status erheblich stärkte.
Hot Creations
Eine der bedeutendsten Phasen seiner Karriere begann 2010, als Jamie Jones und Lee Foss Hot Creations gründeten. Ziel war es, eine Plattform für Musik zu schaffen, die sich vom damals dominierenden europäischen Minimal Techno unterschied. Jones beschrieb den frühen Sound des Labels später als Mischung aus Disco und Deep House.
Die Releases von Hot Creations waren eng mit dem Wandel des Club-Sounds auf Ibiza zu Beginn der 2010er-Jahre verbunden: wärmerer House, markante Basslines, Disco- und Funk-Einflüsse, vokale Elemente und weniger asketische Arrangements entwickelten sich zunehmend zu einer Alternative zur Minimal-Szene des vorherigen Jahrzehnts.
Über Hot Creations erreichten Künstler wie Patrick Topping, Richy Ahmed, wAFF, Danny Daze und viele weitere Produzenten wichtige Stationen ihrer Karriere. Bis 2022 war der Katalog bereits auf rund zweihundert Veröffentlichungen angewachsen, und 2025 feierte Hot Creations sein 15-jähriges Bestehen.
Anlässlich des Jubiläums veröffentlichte Jones Murder Mystery — sein erstes Solo-Release auf Hot Creations seit der EP Bionic Boy aus dem Jahr 2022.
Hottrax und weitere Label-Ausrichtungen
Mit dem Wachstum von Hot Creations entstand die Notwendigkeit, unterschiedliche Seiten der Clubmusik voneinander zu trennen. 2012 startete Jamie Jones Hottrax — ein Imprint, das stärker auf DJ-Tools, Raw House, Tech House und weniger vokales Material ausgerichtet ist.
Hottrax entwickelte sich zu einer eigenständigen Plattform für neue Produzenten und funktionalere Club-Tracks. Daneben umfasste die Struktur rund um Hot Creations zu verschiedenen Zeiten auch weitere Projekte, darunter Emerald City, das für stärker songorientiertes und vokales Material geschaffen wurde.
Hot Natured — über den Underground House hinaus
Ein eigenes Kapitel in Jamie Jones’ Karriere ist mit Hot Natured verbunden. Zur Kernbesetzung gehörten Jamie Jones, Lee Foss, Ali Love und Luca Cazal. Gerade Hot Natured ermöglichte es Jones, weit über das klassische Clubpublikum hinauszugehen.
Der größte Erfolg des Projekts war Benediction mit Gesang von Ali Love. 2012 stieg der Track in die britische Official Singles Chart ein und erreichte die Top 40 — eine seltene Leistung für ein Projekt, das direkt aus der europäischen Underground-House-Szene hervorgegangen war.
2013 veröffentlichte Hot Natured das Album Different Sides of the Sun, an dem unter anderem Anabel Englund, Róisín Murphy, The Egyptian Lover und Kenny Glasgow beteiligt waren. Das Projekt verband House mit Disco, Synth-Pop, Electro und vollwertigen Songstrukturen.
Hot Natured traten auf großen Konzert- und Festivalbühnen wie Coachella und Glastonbury auf und spielten außerdem zwei ausverkaufte Shows in der Brixton Academy. Dadurch wurde Jones zu einem der wenigen Künstler aus seiner House-Szene, die zugleich als Underground-DJ und als Teil einer vollwertigen elektronischen Band arbeiten konnten.
Paradise: sein eigenes Modell einer Club-Residency
2012 startete Jamie Jones auf Ibiza seine eigene Partyreihe Paradise im Club DC10. Was als relativ kompakte wöchentliche Residency begann, nahm nach und nach den gesamten Club ein und entwickelte sich zu einer der wichtigsten House-Marken der Insel.
Paradise verbrachte acht Saisons im DC10, bevor die pandemiebedingte Pause 2020–2021 folgte. Für Jones war das Projekt weit mehr als nur seine persönliche DJ-Residency: Er beteiligte sich selbst am musikalischen Programming und stellte Line-ups aus unterschiedlichen Generationen von House- und Techno-Künstlern zusammen.
2022 zog Paradise ins Amnesia Ibiza um. Dadurch konnte die visuelle und produktionstechnische Dimension des Projekts deutlich erweitert werden, während House die musikalische Grundlage der Partys blieb.
Paradise im [UNVRS]
Das nächste große Kapitel begann 2025, als Paradise zu einer der Residencies des neuen Ibiza-Clubs [UNVRS] wurde. Damit endete die Phase im Amnesia, und das Projekt wechselte an einen neuen Veranstaltungsort, der auf deutlich größer angelegte Showproduktionen ausgerichtet ist.
2026 kehrte Paradise für eine zweite Saison ins [UNVRS] zurück. Die Reihe unter dem Konzept Starship Eden findet mittwochs vom 10. Juni bis 7. Oktober 2026 statt. Musikalisch wird das Programm offiziell vor allem als House, Deep House und Tech House beschrieben.
Im Laufe der Jahre hat sich Paradise längst über eine reine Ibiza-Residency hinausentwickelt. Die Marke veranstaltet Events in verschiedenen Ländern und ist neben Hot Creations zu einem eigenständigen internationalen Tätigkeitsbereich von Jones geworden.
Von Minimal und Deep House zu modernem House
Die musikalische Entwicklung von Jamie Jones spiegelt die Veränderungen der europäischen Clubszene der vergangenen zwei Jahrzehnte besonders deutlich wider. Mitte der 2000er-Jahre lagen seine Produktionen noch nahe an Minimal und Minimal Techno, doch nach und nach gewannen House, Disco, Electro und Funk stärker an Bedeutung.
Zu Beginn der 2010er-Jahre wurde der Bass-Groove zum zentralen Element seines Sounds. Anders als härtere Festival-Elektronik basiert Jones’ Musik häufig auf einer vergleichsweise zurückhaltenden Dynamik: federnden Bassfiguren, synkopierter Percussion, kurzen Vocal-Samples und sich langsam entwickelnden Arrangements.
Gleichzeitig beschreibt der Begriff Deep House, mit dem Jones’ Musik zu Beginn der 2010er-Jahre häufig bezeichnet wurde, seinen Katalog nur unvollständig. Darin finden sich ebenso Tech House, Disco, Electro, Minimal und klassischer amerikanischer House, während einzelne Veröffentlichungen deutlich näher an vokaler Dance-Musik liegen.
My Paradise und eine neue Phase der Solo-Releases
Eine der auffälligsten späteren Solo-Veröffentlichungen war My Paradise, erschienen 2022 auf Defected. Der Track unterstrich Jones’ Verbindung zum klassischen House und fügte sich zugleich sehr gut in die moderne Festival- und Clublandschaft ein.
2023 folgten Lose My Mind und Fine Fine Baby, 2024 veröffentlichte Jones We Groovin mit Jazzy sowie La Musa mit Miluhska. Diese Produktionen zeigen eine vokalere und zugänglichere Richtung seiner aktuellen Musik, ohne die charakteristische bassbetonte Grundlage aufzugeben.
2025 feierte er das 15-jährige Bestehen von Hot Creations mit der Single Murder Mystery und arbeitete außerdem erneut mit Nicole Moudaber für Where All My People zusammen, an dem auch House of Molly beteiligt war.
Im Sommer 2026 erschien die gemeinsame Produktion State Of Mind mit Camden Cox auf Helix Records. Darin verbindet sich Jones’ cluborientierter House-Groove mit einer stärker ausgeprägten vokalen und melodischen Struktur.
Radioshow Hot Robot Radio
2021 startete Jones mit Hot Robot Radio seine eigene regelmäßige Radiosendung. Anders als Paradise als Event-Marke bietet ihm die Show die Möglichkeit, Musik im Format eines kuratierten DJ-Radios zu präsentieren — von neuen House-Releases bis zu Tracks, die aktuell Teil seiner Clubsets sind. Die Radiosendung ist auch auf der offiziellen Website des Künstlers vertreten.
Festivals und internationale Karriere
Im Laufe seiner Karriere trat Jamie Jones bei Coachella, Glastonbury, Tomorrowland, Movement Detroit, Time Warp, Creamfields und zahlreichen weiteren großen Festivals auf, während er zugleich dauerhaft in den Clubkulturen von Ibiza, London, Miami und anderen Zentren der elektronischen Szene präsent blieb.
Seine internationale Karriere unterscheidet sich dabei vom klassischen EDM-Modell. Jones wurde weltweit nicht durch Pop-Crossover oder Festival-Anthem-Releases bekannt, sondern vor allem durch Underground-Clubs, lange DJ-Sets, eigene Partys und seine Label-Infrastruktur.
Diskografie von Jamie Jones
Studioalbum
- 2009 — Don't You Remember The Future — Debüt-Soloalbum, Crosstown Rebels.
Archiv-Compilation
- 2012 — Tracks From The Crypt: Lost Classics From The Vaults 2007–2012 — Sammlung zuvor unveröffentlichten und archivierten Materials aus den Jahren 2007–2012.
Mit Hot Natured
- 2013 — Different Sides of the Sun — Debüt und zentrales Studioalbum von Hot Natured.
DJ-Mixe
- 2007 — Get Lost 02
- 2011 — Fabric 59
Ausgewählte Singles und EPs
- 2006 — Amazon
- 2006 — Panic
- 2009 — Summertime
- 2009 — Galactic Space Bar
- 2010 — Ruckus
- 2011 — Hungry for the Power (Jamie Jones Remix) — Azari & III
- 2012 — Paradise
- 2013 — Moan & Groan
- 2013 — Planets, Spaceships
- 2015 — Siberian Express
- 2016 — Illicit Behaviour
- 2017 — Kooky Music / Kooky Chords
- 2019 — Paradise EP
- 2020 — Pepper Shake — mit Nicole Moudaber
- 2020 — Electric Mama — mit Harvy Valencia
- 2022 — My Paradise
- 2022 — Bionic Boy EP
- 2023 — Lose My Mind
- 2023 — Fine Fine Baby
- 2024 — We Groovin — mit Jazzy
- 2024 — La Musa — mit Miluhska
- 2025 — Murder Mystery
- 2025 — Where All My People — mit Nicole Moudaber und House of Molly
- 2026 — State Of Mind — mit Camden Cox.
Warum Jamie Jones für die House-Szene wichtig ist
Jones’ Einfluss lässt sich kaum auf einen einzelnen Track oder ein einziges Label reduzieren. Seine bedeutendste Phase fiel mit dem Wandel der europäischen Clubmusik am Übergang von den 2000er- zu den 2010er-Jahren zusammen, als die Dominanz von Minimal nach und nach einem wärmeren, rhythmischeren und vokaleren House-Sound wich. Hot Creations war eines jener Labels, die diesen Übergang besonders deutlich festhielten und mitprägten.
Gleichzeitig schuf Jones rund um seine Musik eine eigene Infrastruktur. Hot Creations funktioniert als Label und Plattform für neue Produzenten, Hottrax bedient die stärker cluborientierte Seite des Katalogs, Hot Natured ermöglichte ihm die Arbeit mit vollwertigen Songstrukturen, und Paradise entwickelte sich von einer wöchentlichen DC10-Party zu einer internationalen Event-Marke.
Im Jahr 2026 vereint Jamie Jones weiterhin all diese Bereiche: Er veröffentlicht eigene Musik, kuratiert Hot Creations, tourt als DJ und veranstaltet die zweite Saison von Paradise im [UNVRS]. Mehr als zwei Jahrzehnte nach seinen ersten professionellen Auftritten ist er nicht nur ein Vertreter einer bestimmten Ära von Deep und Tech House, sondern weiterhin ein aktiver Teil der zeitgenössischen House-Kultur.


