
MC Wspyschkin ist eine Kultfigur der russischen elektronischen Szene, ein Symbol der Petersburger Rave-Kultur der 1990er und frühen 2000er Jahre und ein Künstler, der gängige Vorstellungen von Alter, Format und der Rolle eines MC auf dem Dancefloor radikal infrage stellte. Sein Phänomen reicht weit über Musik hinaus: Wspyschkin wurde zu einer Figur seiner Epoche, einer lebendigen Verkörperung von Rave-Energie und innerer Freiheit.
Sein bürgerlicher Name lautet Wladimir Alexandrowitsch Turkow. Er wurde am 31. Oktober 1936 in Leningrad geboren – ein Umstand, der sein Auftauchen in der Rave-Szene einzigartig macht: Als sich elektronische Musik in Russland gerade erst formierte, hatte Turkow bereits ein erfülltes, vielschichtiges Leben hinter sich.
Frühe Jahre: Musik, Disziplin und ingenieurhaftes Denken
In seiner Kindheit sang Wladimir Turkow im Chor „Rodnik“ (Quelle) für Jungen und Eltern an der Schule Nr. 16. Musik begleitete ihn von klein auf, obwohl er keine professionelle musikalische Ausbildung erhielt. Später bezeichnete Turkow seine Gesangserfahrung ironisch als „misslungen“, trug die Liebe zur Musik jedoch sein Leben lang in sich.
Nach der Schule absolvierte er den Wehrdienst in der Sowjetarmee, erlernte anschließend einen Ingenieursberuf und arbeitete am D.-I.-Mendelejew-Allrussischen Forschungsinstitut für Metrologie – einem der angesehensten wissenschaftlichen Institute des Landes. Dieser selten erwähnte Aspekt zeigt, wie ingenieurhafte Disziplin und Rationalität sich paradox mit seiner späteren Bühnenexzentrik verbanden.
Ein Wendepunkt war der Besuch eines Konzerts von Wladimir Wyssozki im Kulturhaus der Lebensmittelarbeiter in der Prawda-Straße. Laut Turkow erkannte er dort endgültig, dass die Energie einer Live-Performance wichtiger ist als perfekte Form – eine Idee, die später zum Kern seiner Rave-Performances wurde.
Leningrader Rock-Untergrund und Verbindungen zu späteren Legenden
In den 1970er Jahren war Turkow Teil der Leningrader Rockszene und arbeitete als Administrator der Band „Kotschewniki“ (auch bekannt als „Savojary“). Er übernahm bewusst den äußeren und inneren Code des Rock-Undergrounds – aus Solidarität mit den Musikern hörte er sogar auf, sich zu rasieren.
Nach eigenen Aussagen erlebte er die Entstehung der Karrieren von Konstantin Kinchew und Juri Schewtschuk aus nächster Nähe, während Michail Bojarski, der in der Nähe wohnte, zu ihm kam, um Gitarre zu lernen. Diese Episoden unterstreichen: Wspyschkin „entstand nicht aus dem Nichts“ – er war jahrzehntelang Teil der musikalischen Szene, wenn auch abseits des Mainstreams.
Der Einstieg in den Rave: Reife als künstlerische Geste
In den 1990er Jahren, vor dem Hintergrund des explosionsartigen Wachstums der elektronischen Szene in Sankt Petersburg, tauchte Wladimir Turkow völlig unerwartet auf Raves auf – und wurde sofort zur zentralen Figur. Er nahm an Großevents wie „Kolbassny Tzech“, „Wspyschka Swerchnowoi“ und den Feiern zum Tag der Jugend teil.
Sein Image lebte vom scharfen Kontrast:
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ein älterer Mann im Raum jugendlicher Ekstase
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strenges Erscheinungsbild versus absolute Verhaltensfreiheit
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knappe Ausrufe statt klassischen Gesangs
Wspyschkin war kein MC im hip-hop-typischen Sinne. Er fungierte als Katalysator des Trance-Zustands, der den Dancefloor mit kurzen, fast schamanischen Formeln auflud.
„Radio Record“, „Kolbassny Tzech“ und landesweite Bekanntheit
Ab dem Jahr 2000 wurde MC Wspyschkin gemeinsam mit DJ Riga Moderator der Show „Tzech“ („Kolbassny Tzech“) auf Radio Record. Das Radio verwandelte ihn vom Club-Phänomen in ein landesweites Symbol des Raves.
Im Radioformat wurde Wspyschkins Stimme vom Schauspieler Dmitri Bekojew gesprochen – ein bemerkenswertes Detail, das die Theatralität des Projekts und seine mediale Konstruktion betont.
Das Duo mit „Nikiforowna“ und der prägende Hit der Epoche
In den Jahren 2002–2003 entstand auf Initiative von Radio Record das Duo MC Wspyschkin & „Nikiforowna“. Der Kontrast zwischen einem 19-jährigen Sänger und einem Künstler im hohen Alter wurde bewusst als künstlerisches Mittel eingesetzt.
Der Track „Kolbassny Tzech“ („Schischki“) mit dem Refrain
„Schischki fallen im Wald, ich gehe Wurst kaufen“
hielt sich acht Wochen auf Platz eins der Charts, wurde zur Hymne des Festivals „Kolbassny Tzech 3“ und erschien auf dem Album „Kolbassny Tzech 3“ von DJ Gagarin.
2004 folgte das Album Sex. Danach tourte das Duo intensiv durch Clubs und Festivals und festigte Wspyschkins Status als volkstümliches Symbol der elektronischen Szene.
Der Mensch hinter der Bühne: Familie, Sport und Prinzipien
Hinter der Bühnenekstase stand ein Mann mit klaren Prinzipien. Wladimir Turkow war über 35 Jahre verheiratet, Vater von drei Kindern und ein engagierter Großvater. Er propagierte Sport und einen gesunden Lebensstil, trank keinen Alkohol und rauchte nicht – scherzhaft sagte er, er habe „mit zehn Jahren aufgehört zu trinken und zu rauchen“.
Er fuhr Inlineskates entlang der Uferpromenaden, besuchte regelmäßig das Fitnessstudio und konnte laut Kollegen selbst im fortgeschrittenen Alter noch 90 Kilogramm Bankdrücken. Dieser Kontrast zwischen körperlicher Disziplin und Bühnenchaos verstärkte die Mythologie seiner Figur.
Tod und kulturelles Vermächtnis
Wladimir Alexandrowitsch Turkow verstarb am 14. November 2011 in Sankt Petersburg. Er hinterließ keine umfangreiche Diskografie, aber etwas Größeres – einen kulturellen Code.
Heute steht MC Wspyschkin für:
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ein Symbol des Petersburger Raves
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den Beweis, dass die Bühne kein Alter kennt
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ein seltenes Beispiel absoluter Aufrichtigkeit in der elektronischen Kultur
Er ging nicht als Kuriosum in die Geschichte ein, sondern als jemand, der Musik mit Körper, Stimme und Charakter lebte.